„Ich weiß, die deutschen Männer lieben es nicht, die Frau zu verwöhnen.“

„Wenn es das allein wäre, warum nicht? Aber es ist eine Lüge in dieser Verherrlichung der Frau. Theoretisch ist Flirt wundervoll, weil er kühn die Sinnlichkeit in den Verkehr schon der jungen Leute einstellt und ihr nicht gestattet, mehr als ein Spiel zu sein. In amerikanischer Praxis aber wird er ein Mittel, den Mann zum Knaben zu machen, seine Kenntnisse der Frau zu verfälschen, die vollkommenste Gynokratie einzuführen. Was weiß er von euch? Nichts, er ist euer Schemel. Er wird gelockt, aber danach soll er anbeten. Es ist nicht eine einfache Moralität, die ihn zum Heiraten zwingt, sondern eine komplizierte, die die weiblichen Versprechungen nicht scheut; es ist die Verheißung der Amazone, die im Oberleib männlich ist, aber in den Hüften Weib. Wenn ihr nach Europa kommt, erfüllt ihr die Männer mit bösen und harten Gelüsten, mit einem schlimmen Wunsch, euch zur Eindeutigkeit zu zwingen.“

„Sie sprechen wie d’Arigo.“

„Wie stehn Sie mit ihm?“ fragte er und war neugierig, wie sie solche Frage aufnahm.

„Ich lernte ihn in Paris kennen, er war sofort rücksichtslos wie Sie, verlangte, ich solle ihm stehn. Er besuchte mich bei meiner Familie in Trouville, reiste über Nacht ab. Er bot mit halbem Wort die Ehe an, zögerte vor dem ganzen. Dann traf ich ihn in Zürich wieder.“

„Und hoffst, daß er das ganze doch finden wird,“ dachte er, „gute Lilian, wo der Flirt versagt, bleibt dem Mädchen aus der neuen Welt nichts übrig, als wie das der alten auf die Initiative des Manns zu warten.“

Aber warum ging sie nicht nach Amerika zurück, einen der jungen Leute zu heiraten, die in Hemdsärmeln und Schweiß des Angesichts arbeiteten, damit die Frau keinen Finger zu rühren nötig hatte?

Die Antwort enthüllte private Bedingungen ihrer Existenz. Solang sie studierte, empfing sie Unterhalt; kehrte sie ohne Examen zurück, wäre ihr nichts übrig geblieben, als Sekretärin zu werden.

„Aber das ist ja das Sprungbrett zur typischen Prinzessinnenkarriere Amerikas,“ sagte Lauda.

Gleichwohl, es war unsicher, und sie zog vor, als Dame zurückzukehren. O, sie hatte ihre Wünsche, Passivität verband sich mit Anspruch, belohnt zu werden, daß man hübsch war und Männer gern mit einem durch die Straßen gingen. Aber wie andeutungsweise, ungeformt das alles in ihr ruhte; wie gering jene Beunruhigung durch das Bewußtsein, Widersprechendes in sich zu tragen, aus der das Temperament entspringt — Temperament war die moralische Manifestation dieses Bewußtseins, der tapfere Entschluß, sich durch Erlebnis zu ordnen. Hätte er ihr von der Sweetgirllüsternheit gesprochen, die er in ihr vermutete, von der sinnlichen Vorstellung, zu der sie ihn vorhin im Zimmer herausgefordert hatte, wäre sie nicht weiter mit ihm gegangen; hätte er ihr gesagt, daß man die Verpflichtung habe, solche Elemente im Blut selbst einzugestehn, durch Tat so oder so blühn zu lassen oder auszuscheiden, würde sie ihn nicht verstanden haben. Hirn im Stadium des Ungefähr, Egoismen verankert im Anspruch auf Recht zu existieren, und vermehrt durch Bewußtsein der Jugend und dessen, was man in Deutschland Holdheit eines jungen Mädchens nannte. Sweet girl, warum soll ich sentimentalistisch dieser Holdheit untertan werden und übersehn, daß du von der Kokotte das Lippenrot adoptierst, um ihre Sphäre unverbindlich zu streifen? Du gibst mir Barbarengedanken ein, Männergedanken, dich zum Bekenntnis zu zwingen, durch Gewalttat das erste wirkliche Faktum in dein Leben zu setzen, unpersönlicher Rächer zu sein, denn es ist nicht erlaubt, unverbindlich zu bleiben.