Er meidet das Großartige.
„Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf — als ich das las, beging ich zum einzigen Mal in meinem Leben eine Nachahmung, ich wollte wie Laotse tun, der nach Westen ritt, zum Reich hinaus. Dem Wächter an der Grenze gab er sein Buch; aber mich hätten sie festgenommen und unter die Soldaten gesteckt, das ist der Unterschied. So blieb nichts übrig, als das zweite zu tun, was er empfiehlt, aus der Stadt aufs Land zu gehn, da fand ich dieses Haus. Es ist noch der Schweißgeruch des Bauern darin, heiliger Geruch, weiser Geruch. Es einzurichten ist unnötig; wer ein Haus schmückt, wird sein Sklave, in ihm leben ist genug; zweimal am Tag wird es mir lieb: wenn ich es verlasse, um den Berg hinab zu den Menschen zu gehn, und wenn ich den Berg ersteige, müde der Stadt. Hans tut nichts im handelnden Sinn, er sitzt in einem andren Haus und zeichnet mit schwarzer Tusche die innren Gebilde auf gelbliches Reispapier; an der Wand kauern Mädchen und sticken mit seidnen Fäden die innren Gebilde; sanfter Pascha schläft er nicht mit den Mädchen. Lisbao tut nichts, er spinnt um seinen Nabel Wortfäden, den Strang der Totalität. Nichtstuer sind wir im Sinn derer, die im Reich des Geschehens leben; die einzige Lüge ist, daß wir von Vätern, Onkeln das Geld nehmen, so müßig zu gehn. Ihr Entgelt, daß sie uns verachten dürfen; aber früher, als Blancheflor geheiratet hat, wird die Zeit kommen, da das Geschehn draußen zusammenbricht und die Menschen der Tat überdrüssig werden — unsre Zeit, wir die Verkünder des Geists, der Anschauung ist.“
„Es drängt sich auf,“ sagte Lauda zu Lilian auf dem Heimweg, „daß alle Elemente des Geistigen jederzeit vorhanden sind. Seit mich die Unvereinbarkeit von Tun und Anschauung beschäftigt, begegne ich auf Schritt und Tritt Menschen, deren ganzes Sinnen auf dieses Problem gerichtet scheint. Wäre ich nicht selbst nun darauf eingestellt, würde ich die drei vielleicht nur Narren heißen, heute bin ich versucht, sie zwar nicht die Nornen der Zeit, aber ihre Kobolde zu nennen. Sahn Sie je eine so seltsame Übereinstimmung der Figuren, des körperlichen Formats? Das Geschlecht derer, die nicht das Format der Tat haben, kommt aus den Höhlen, wird Wirkung werden; das Geschlecht auch derer, die leiden und die Vergewaltigung durch einen Gott suchen, bereitet sich aufzustehn, der Krieg hält sie noch nieder, der Krieg wird sie entfesseln.“ Er dachte an Schreiner.
„Wer ist Blancheflor?“ fragte Lilian.
„Hat es Ihnen Eindruck gemacht? Die Schöne aus den Epen, die Junge, Zarte, die in ihren Gliedern den Gral trägt.“
Er fand den Namen selber gut, und als hätte es nur seiner bedurft, ward er empfänglicher für das Süße, das die gotischen Hüften des Mädchens bargen. In den Hüften aller Frauen ruhte es; so gleichgültig, daß es der einen oder andren, vielen, an Intelligenz gebrach; die Zärtlichkeit ihrer Bewegungen, lautloser, weicher, war wesentlicher; Zärtlichkeit war die vermenschlichte Form des Ansichlockenden, Saugenden, des Urdämons, dem auch in gemilderter Gestalt jeder gehorsam war. Nun sah er, in zweiter Morgenstunde, Lilian ganz als Bergerin des Zarten, bis zur Unkenntlichkeit den Begriff von ihr verändert, und war froh, ihr nicht Gewalt angetan zu haben.
Es gewollt zu haben, war wie Auslösung einer Hemmung, Überwindung eines Hindernisses zwischen ihm und ihr — Geburt freundschaftlicher Bereitschaft. Und als fühle sie dasselbe, zog sie den Schleier von sie quälenden Gedanken. Sie verstand, was die Männer, in Paris zuerst, von ihr verlangten, Einsatz der ihr anvertrauten Weiblichkeit; Furcht in ihr, Vergleich mit der Bequemheit heimatlicher Ehe, Scheu auch vor d’Arigos Halsstarrigkeit, dessen Bedingung sie nun bekannte: sie sollte zu ihm kommen, bedingungslos und mit gesprochnem Wort Feigheit eingestehn.
„Es mag rechthaberische Fordrung eines Hartnäckigen sein,“ antwortete Lauda, „gleichwohl hat er in tiefrem Sinn recht, er verlangt die Tat. Verwerfung der Tat, wie sie der Kleine aussprach, hat Wert nur nach der Tat, in der denkenden Sphäre, als Aufhebung, Setzen des Gegenteils. Was ist Puck? Ein Literat, jemand, der an der einen Seite zieht, ermangelnd der Polarität.“
„Und wo führt Tat hin die Frau?“ klang Lilians Frage an sein Ohr, im Zwiegespräch, das jeder nach seiner Bedingung führte, „was ist Tat? Der erste Schritt auf einem Weg, der zum Glück zu leiten verspricht, von ihm entfernt.“
„Tat ist die Sphäre des Leids,“ nahm er das empfangne Wort auf, „das Reich der Kausalität, des Dämons Logik, des hetzenden Gotts, der Erlösung verheißt, sie schon verriet, als er sich zur Existenz entschloß. Tat ist Dämonie des Bösen, darum ist alle Religion Feind der Tat und weiß nicht, daß sie den Gott lästert, den sie sucht, denn er war aktiv. Der Kreis schließt sich, ich bin bei Pucks Deklamation wieder angelangt; Ja ist so wahr wie Nein, gleich unverbindlich, gleich falsch. Gute Nacht, Lilian, wir sind zu Haus. Morgen gehe ich zu d’Arigo, vielleicht, daß er mir erlaubt, von Ihnen zu sprechen, denn in mir ist erstmalig Wunsch, einem andren Mann Bruder zu sein — ungewiß ob er das Angebot annehmen wird.“