D’Arigos Atelier stand in einem Hof; auf Hinterfrontbalkonen wurden die Betten der Bürger und darauf gezeugte Kinderbrut gelüftet.

Häßlich wie der Anblick des Nutzbaus war der innre Raum; auf Holzpostamenten standen die Figuren, von ihnen abgekratzter Staub puderte den Zementboden, Ofenrohr ging durch die Decke, kein Diwan zur Verführung von Damen. So arbeiten verdiente Arbeit genannt zu werden, Lauda empfand: stoischer Bruder, verzichtend auf Stimmung. Betrachtend die Figuren, fand er weiterhin: es stellt ein Künstler sich selber dar, die Proportionen seiner Glieder sind die der von ihm Geschaffnen, der Schlanke formte keinen Untersetzten.

Es standen drei Akte derselben Frau, die in verzückter Innigkeit die Arme senkrecht streckte, die Finger wagrecht spreizte, Gebärde der Demut, nackt zu sein, und des keuschen Muts. Auffassung betreffend standen zwei sich nah, es war die eine die Bearbeitung der andren mit Glaspapier und Spachtel: Werkzeuge schmallippiger Energie hatten die Rundung der festen Schenkel und des weichen Bauchs auf ein Äußerstes reduziert, so daß aus Rundung und Nervigkeit ein granitnes Fleisch entstand, überstreckt, gedreht in Geistigkeit, exzessive Gotik, Inbrunst sublime, oben nochmals aufgenommen durch das geschwellte Lächeln und die runde Engelsstirn.

Die dritte Figur war Rückbildung zur primitiven Gotik, die das Willenserlebnis Loyolas noch nicht kannte, nordisch, deutsch, seelenhafter, darum materieller. Da sagte d’Arigo:

„Sie irren sich, es ist die mittlere Figur die frühere, die nordische die jüngste.“ Und Lauda erinnerte sich, was er von d’Arigos Entwicklung, dem Rücktritt aus der geistigen Sphäre, gehört hatte.

„Was haben Sie erreicht?“ fragte er, „den Verlust Ihrer Überlegenheit, die Bindung durch einen Einzelfall, denn diese Frau ist Individuum, Ihr Werk Porträt, das unbedingt Problematische, in die Niedrung der Existenz, die Nachahmung, Ziehende; es ist gemilderter Realismus, die gewalttätige, schöne, suveräne Energie ersetzt durch Tasten, Unterordnen, Demut, Sehnsucht, Anbetung, Dinge, die dualistisch sind, weil sie zwingen, einerseits dem sinnlichen Reiz gerecht zu werden, andrerseits ihn seelenhaft erscheinen zu lassen — vorher wurden beide in höhrer Einheit gebunden.“

„Ich bedaure,“ antwortete d’Arigo, „Sie Einblick haben gewinnen zu lassen; es stört mich. Sie verstehn mich nicht, es sind in Ihnen nicht die Voraussetzungen des Religiösen, wie ich es erlebte. Sie sind irreligiös. Sie sind im besten Fall katholischer Lateiner, Augenmensch.“

Lauda: „Und Sie, in dem der Fanatismus des Ignatius brennt, wenden sich dem Protestantischen zu, empfinden es als tiefer, was sich vielleicht behaupten läßt; aber das ist eine andre Frage, wichtiger bleibt, daß Sie Ihrem Naturell Gewalt antun, Ihr Blut zersetzen — warum, um eine Individualität zu formen? Fühlen Sie nicht, wie arm, belanglos Individualitäten sind, wie sehr alle Eigenschaften, also das, was man die persönlichen Züge nennt, dem Religiösen widersprechen? Denn Religiosität ist Sehnsucht, von der Individualität erlöst zu werden, die Sphäre des Gestalteten zu verlassen.“

D’Arigo: „Ich habe mich gefragt, warum mir alle Einzelexistenzen so teuer werden, daß ich mein frühres Leben, das sich unbekümmert über den Mensch hinwegsetzte, nun Sünde nennen muß; und als Antwort fand ich, daß jede Einzelexistenz eine Seele hat, unsterblich als Seele ist. Ich glaube heute inbrünstig an die Unsterblichkeit der Individualität, des Ich, des Einmaligen, des anvertrauten Guts.“

Lauda: „Wenn das Ich einmalig ist, was wird dann nach dem Tod aus ihm, wo war es vor der Existenz? Unsterblichkeit und Einmaligkeit widersprechen sich.“