„Erstaunliche Frau, die benennt, was ich wie mein letztes Geheimnis empfand, das zu entblättern mir erst die Nerven wachsen sollen. Vielleicht können Sie es, weil Sie stärker darunter leiden, ich widerstandsfähiger bin. Denn soviel ist mir klar, jenem Wunsch nach Zersetzung nachgeben, bedeutet große Widerstandslosigkeit. Früher beruhigte ich mich mit dieser Erklärung und fühlte mich überlegen, weil ich widerstehn konnte, das Dunkle in mir überdeckte; dann kam eine Zeit, wo ich feststellte, daß Abschließung gegen das Dunkle ärmer macht als die sind, die es suchen, Hingabe an das Dunkel reicher macht, weil es seelenhafter macht; das mag die Erklärung dafür sein, daß jedes helle Heidentum von einem Christentum bedroht wird, jede Männlichkeit den femininen Tag erlebt, jeder Diesseitige den Gott. Das ist heute mein Problem, wichtiger als das, was mir das Wichtigste war, die Kunst.“

„Und Lösung, ist sie möglich?“

„Nicht in dem Sinn, daß man im männlichen, heidnischen, diesseitigen Zustand endgültig beharren könnte. Weil wir immer endgültig sein wollen, tritt die innre Mahnung ein, Ihr Widerstreben, Ihre Spannung. Möglich ist nur, in dem Kampf zuletzt doch oben zu bleiben, vorausgesetzt, daß man überhaupt zu denen gehört, die ohne dauernden Aufenthalt im Dunkel, das zugleich das Warme, Schützende und Erregende ist, zu leben vermögen. Ja, ich glaube auf Ihre Frage antworten zu können.

Wenn Sie eine Wahrheit, eine Idee gefunden haben und an ihr festhalten wollen, ist das, als wiesen Sie die Erde an, sich nicht mehr zu drehn, da ihre Ruhelage nun feststehe; unmöglicher Befehl. Sie, ich, wir alle, sind Himmelskörper wie die Erde, rasend in Rotation — es läßt sich vermuten, welche Spannungen in ihnen entstehen, sich entladen, immerwährend. Die Spannung, von der Sie sprachen, ist Botschaft solchen Vorgangs, schwache Botschaft, gesandt aus den unbekannten Himmelsräumen in Ihrem Innern, darin Formung und Entformung unermüdlich sind. Denke ich daran, so stellt sich das heroische Gefühl ein, ich meine das der Tragödie, die auch Leben selbstzerstörerisch in den Rachen des Tods wirft. Ihr Grundbewußtsein von Ihnen selbst ist tragisch, es ist Tapferkeit, Hohn, Demut, Auflehnung darin. Sie neigen leichter als andre zu Spannungszuständen, deshalb suchen Sie den Druck, das Gebot, wie allgemein, aber auf dem engren Gebiet des Sinnlichen, Ihr Geschlecht.“

„Wenn es so ist,“ sagte sie, „wie halten dann andre, die Masse der Menschen, die Tragik, den Einbruch dessen, was die Ruhe stört, von sich fern, wie ist es möglich, daß sie überhaupt in Ruhe leben?“

„Wissen Sie das nicht? Indem sie sich einen Mittelpunkt geben, um den ihr Kosmos dreht, genau das, was Sie als Wahrheit oder Idee suchen. Und um den Mittelpunkt ganz unerreichbar zu machen, um vor einer Auflehnung wie der Ihrigen geschützt zu sein, die immer möglich ist, wenn man weiß, daß man einen solchen Gott selbst erfunden hat, geben sie ihm die Eigenschaft des absoluten Gotts, dem zu dienen nicht ehrenrührig ist, der Demut, das ist Willigkeit der Rotation, verlangen darf.

Lehnen sie sich auf, so gibt ihnen dieser Gott im religiösen Sinn den Druck, den ihre Atmosphäre braucht — das ist das letzte Geheimnis des menschlichen Gottesbegriffs, und er ist tief, denn er erklärt sich unmittelbar aus Energiezuständen, Gravitationsvorgängen unsrer innren Welt. Glaube ist der Druck, durch den die Milliarden Weltkörper, die mein Ich bilden, zu einer Einheit gezwungen werden. Auch wer glaubt, zersetzt sich wohl, aber er hat eine Gewißheit: daß die Zentralachse, um die er sich dreht, bleibt und stärker ist als er. Das Bedürfnis der Menschen nach Gehorsam und Unterordnung haben schon manche festgestellt, keiner als tiefste Beschaffenheit erklärt, denn wir treiben wohl Psychologie, aber nicht das, was uns noch zu entdecken bleibt, innre Physik, mathematische Seelengeographie — Seele ist ein Phänomen der kosmischen Physik.“

„Ihre Entdeckung, Lauda?“

„Mag sein, ich weiß es nicht, meine Entdeckung für mich jedenfalls.“

„Da Sie die Unterordnung für die tiefste Beschaffenheit des menschlichen Organismus ansehn, bleibt noch immer unerklärt, wie Sie und Ihresgleichen, die Sie so stolz Heiden nennen, ohne absoluten Glauben, Gott, Religion, nur mit relativem Glauben leben können.“