„Ziehn Sie selbst den Schluß: daß ich wie alle den tödlichsten Zersetzungen ausgesetzt bin, zwölfmal im Jahr den Tag habe, der mit Selbstmordgedanken entsetzlich gefüllt ist. Rettung ist immer wieder, daß der Wille, selbst Achse und Mittelpunkt zu sein, nicht zu unterliegen, suverän, männlich, ganz Energie zu bleiben, die Rolle des Gotts, also des Kristallisationspunkts, spielt.“

„Also kommen auch Sie nicht ohne Gott aus, sei es auch nur ein symbolischer?“

„So wahres Wort. Das Grundproblem, Hingabe oder Überlegenheit, Seelendunkel oder Klarheit, Feminität oder Männlichkeit nimmt Dimensionen an, in die alle Fragen stürzen.“

„Haben Sie in den zwei Jahren gearbeitet, Lauda?“

„Theaterstücke geschrieben? Nein. Auch Kunst stürzte in diesen Abgrund, denn sie beruht mehr als jede andre Tätigkeit auf Hingabe, Unterordnung, eifrigem Einheimsen der armen Ernte. Pathos, Leiden, Sentimentalität, Beredsamkeit, augenblickliche Lombardierung jeder kleinen Entdeckung auf seelischem Gebiet, das ist Kunst. Sie kommen nicht weiter, sie nehmen sich so ernst, sie glauben tief zu sein, und haften an der Oberfläche der Erde, denn sie variieren das Gegebne, die Einzelexistenz, die lügnerische Individualität, alles was nicht primär, nur Manifestation ist. Das alles soll stürzen; kommt keiner zuvor, durch mein Denken. O, wie verlogen Künstler sind. Sie fühlen wohl die Zersetzung der Einheit des Ichs, aber sie haben nicht den Mut, von ihr zu reden, vielleicht haben sie nur die Kraft nicht. Wenn eine Wahrheit in ihnen einstürzt, fürchten sie, nicht mehr produzieren zu können, deshalb kleistern sie und lassen am Ende die alten Götter wieder aufleben. Sie würden sich schämen, zu gestehn, daß ihnen die Weltanschauung unter den Händen zerfließt; statt ihre Zerrissenheit zu gestalten, retten sie sich in die bequeme Heiligkeit des Lebens.“

„Seltsam. Ich will Sie mit jungen Künstlern bekannt machen, die dasselbe zu fühlen scheinen, von ihrer Kunst bitter sprechen, Verächter jener Malerexistenz, die unermüdlich die Dinge variiert; ihr Haß gilt dem Gegenständlichen; sie malen nicht mehr Existierendes, befremdende abstrakte Gebilde. Und ich kann Sie, wenn Sie nur wollen, mit vielen zusammenbringen, die auf irgendeinem menschlichen Gebiet Opposition treiben. Es ist, als habe der Krieg sie von überall her in der Schweiz versammelt.“

Schlaf im Silberfall des Brunnens und Rauschen der Bäume war beglückend; als sich das Jubeln der Vögel hineinmischte, erwachte Lauda.

Sonne war noch nicht sichtbar; hinter dem Brienzer Horn am jenseitigen Ufer leckte Gold herauf. An der Wand hing Schwinds Bürgermädchen, das in kurzem Rock die Läden zur Sonne aufstößt; er tat wie es, fühlte sich nicht weniger kindlich. Doch dann kam Bewußtsein der Wirklichkeit; sie war nicht so reinlich, denn es war der Knabe da, sein Kind. Frau Hannah erhob zwar keinen Anspruch auf ihn, er war ihr Gast, der in keines Mannes Frieden einbrach, von Graumann war sie geschieden. Und doch war es geschmacklos, sich in diese Situation zu begeben, weil sie zu nah legte, das Familienleben fortzusetzen, sei es auch nur ein unverbindliches.

Hannah war sachlich genug gewesen, ihn dem Jungen nicht als Vater vorzustellen, ihm das Kind nicht als Sohn. Da sie also des Kinds froh war, und da sie unabhängig war, und da er an irgendeinem Tag seines Lebens zu ihnen verschlagen wurde, warum überempfindlich sein? Aber es war auch der Gedanke an Claire da, die ihm selbst gesagt hatte, daß er sie mit andren Frauen vergessen werde, und die ihm doch diese Situation nicht vergeben hätte, das gefälschte Idyll. Sie hätte ihm nicht einmal Begegnung mit Hannah allein, ohne das Kind und das Haus gestattet, denn sie hätte anerkennen müssen, daß Hannah das stärkre Temperament war und die Fähigkeit hatte, ihn in geistige Sphären zu begleiten, die nicht Claires waren.

Er fühlte Eifersucht der fernen Frau und wie sie höhnisch darauf wartete, daß auch diese Geistigkeit nur zu einer erotischen Begegnung führte — dann durfte sie sagen: Lüge, ihr gefallt euch in Umwegen, das ist schmutzig.