Man beriet, wie Beschäftigung für ihn zu finden sei; Fünfkorn schlug ihm vor, als Volontär in seine neu gegründete Zeitung einzutreten, das nunmehr durch das Geld Shillers ermöglichte Organ der deutschen Opposition. Der Knabe konnte nicht, als er das Programm entwickeln hörte. Da bot Graumann an, für seinen Unterhalt zu sorgen, er brauchte einen Chauffeur. Madeleine Betz widersprach, der Junge sollte, was er getan hatte, ganz tun, die Idee, die ihn geleitet hatte, nicht verleugnen; mochte das Blatt mit amerikanischem Geld gegründet sein — was für Fünfkorn hätte unerlaubt sein müssen, war es nicht für den Unverantwortlichen.

Ausfall auf Fünfkorn erregte Shiller, Graumann trat auf die Seite der Elsässerin, plötzliche Scheidung der Geister. Fünfkorn hoffte einen Trumpf auszuspielen, fragte Wendling, ob er für sein Blatt arbeiten werde. Der Arzt lehnte ab, Fünfkorn und Shiller verließen das Zimmer.

„Da wir symbolisch zurückgeblieben sind,“ sagte Fräulein Betz, „laßt uns überlegen, wie wir die Einheit der Anständigen sichtbar machen. Gegen unsre Regierung aufzutreten, ist Pflicht, der Wille ist da, es fehlt: das Geld.“

„Das Geld fehlt nicht,“ sagte Lauda und sah Graumann an, „es fehlen die Leiter, es sei denn, daß Herr Wendling, der am ehrlichsten von uns Männern den Untertanengehorsam gekündigt hat, bereit ist, die Redaktion zu übernehmen. Seine Flucht, sensationeller Akt der Anschaulichkeit, ist gegebner Augenblick.“

Man begann zu verhandeln. Wendling stellte die Bedingung, daß Graumann sich als Geldgeber nannte und ein zweiter als Mitherausgeber. Lauda schlug Fräulein Betz vor, sie ihn, Wendling sie und Lauda. Graumann hatte damit zu rechnen, daß sein deutscher Besitz beschlagnahmt werde, erbat sich Bedenkzeit; dieselbe Lauda.

Seine Stellung war zweideutig; der zweimal verlängerte Urlaub lief ab, aber zwischen diesem Termin und seiner Ankunft lagen nun drei Monate, Erklärung möglicher Wandlung. Er suchte am nächsten Tag Graumann auf, entschlossen anzunehmen, wenn dieser die Bedingung Wendlings erfüllte. Die Entscheidung wurde ihm in der Form mitgeteilt, daß Graumann einen anwesenden Deutschen als ersten Mitarbeiter vorstellte, Doktor Schmitts. Er war Dozent für Geologie an der Konstantinopler Universität gewesen und von der Regierung nach Armenien geschickt worden, um Minerale für die Kriegswirtschaft zu erschließen. Dort war er Zeuge der Systematik geworden, mit der eine ganze Nation, Mensch für Mensch, ausgerottet werden sollte.

Lauda erfuhr zum erstenmal von den amerikanischen Greueln, der entsetzlichsten aller Wellen von dampfendem Blut, die jemals über diese Entsetzliches gewohnte Gegend gerollt waren. Früher hatte man Ortschaften dem Erdboden gleichgemacht, im Zeitalter der Organisation wurde der Plan gefaßt, ein Millionenvolk bis in sein letztes Glied verschwinden zu lassen. Und die erste Million ward getötet. Man mordete an Ort und Stelle, man schickte Züge von Frauen und Kindern in die südliche Wüste, man rief die Kurden. Im Tal von Musch sah Schmitts einen Platz, wo die Kurden zweitausend Frauen geschändet, danach verstümmelt, danach mit Petrol übergossen und verbrannt hatten — in den Überresten wühlten sie dann, weil das Gerücht ging, die Christinnen hätten Geld und Perlen verschluckt, um sie zu retten. Schmitts’ levantinisches Weib hatte seiner Nation, die das geschehn ließ, geflucht, und der erregte Mann zitterte wieder, als er von diesem Augenblick sprach; er wollte nicht mehr Deutscher sein.

Fluchszene, biblischer Erinnrung, weckte Mißbehagen, männlicher Entscheid sollte nicht von Tränen einer Frau abhängig sein, und Moralität, die aus zusammenbrechenden Nerven kam, enthielt von Sentimentalität ein Gran, das auch in der breitren Anhängerschaft des Pazifismus zu finden war — gleichwohl, man durfte über das christianisierte Naturell allzuberedter Männer hinwegsehn, es galt: die Sache. Die Sache hieß: Kampf ansagen dem deutschen Block aus Stahl und Willen, mit Worten des Hasses in seine Fuge dringen — ob sie sich sprengen ließ.

„Wir haben Thomas Schreiner vergessen,“ sagte Lauda, „er gehört in unser Komitee.“ Es erwies sich, daß Schreiner keinen Wert darauf legte, mehr als Mitarbeiter zu sein.

„Was Sie tun,“ sagte er, „ist bürgerlich, ich bin russisch geschult, Sozialrevolutionär, Anhänger der direkten Propaganda an der Front und in den Fabriken.“