Im Garten schwoll, von einem Augenblick zum andren, die Ekstase der den Morgen verkündenden Vögel auf. Er trat ans Fenster. Schwer starrten die Kronen, er empfand wieder die Düsterkeit des prangend Sinnlichen, Astarte in der Anadyomene des jungen Lichts, die nur Nordländern mit dem weißen Blut das Mädchen der knospenden Brüste war. Und als er den Gang zum See antrat, war Morgenrot über den Bergen nicht nur rosiges Erglühn — auch brennende Flamme. Gleichwohl — Glühn oder Glut, ob sie Mensch kosten oder fraßen, sie waren Fanfare des Ja, und Wind, ob er der Holden oder der Grausamen vorausging, war Kind des Morgens; wen er anwehte, ward stark, so froh, erfüllt mit dem Hunger nach Tat.

An der Seemauer stand ein Mädchen, wandte sich um, als die Schritte des Einsamen hallend herabkamen, erwartete ihn, sagte:

„Helfen Sie mir ein Boot lösen, fahren Sie mich hinaus.“

Er erkannte sie, nachdem er sie in Stein gesehn, und tat, was La Putana hieß. Auf dem See löste sie das Gewand, sprang in die Flut, schwamm, er tat ein Gleiches. Danach stand sie am Mast, furchtlos vor Männern, im ersten Strahl die Haut trocknend; das Wasser zerrann wie Öl auf wölbenden Flächen. Er sah in den Raum, das Leere, gestellt: die Form, das Bestimmte, den Akzent der Energie, das von Grenzen Umschloßne — Gefäß des Dämons Tat. Er sah im funkelnden Blick, der entzündeten Kohle, und in geschürzten Lippen: den Dämon Tat.

IV

Bericht des Morgenblatts, ein deutscher Flieger sei über die Grenze geflüchtet, besagte nichts; aber als Lauda am Abend die Villa Graumanns betrat, sah er unter den Politikern den Arzt, der ihm während seiner Militärzeit das Attest geschrieben hatte, durchblicken lassend, es werde nicht mehr lange Wert haben. Dieser Arzt war der Deserteur, er hieß Wendling.

Der Konflikt war ausgebrochen, als er darauf bestand, einen Epileptiker zu entlassen, der Hauptmann neue Bestimmungen entgegenhielt. Dann sind die Bestimmungen verbrecherisch, sagte der Arzt; die militärischen Erfordernisse gehn vor, der Offizier. Es fiel das Wort Pflicht, Wendling stellte das Primat der menschlichen auf, machte eine Bemerkung über Gewissenlosigkeit des Arztes, der denselben Patient, den er in seiner Sprechstunde für schwerkrank erklärte, im Revier als Simulant behandeln mußte, ward angezeigt. Hunderte dachten wie er, dieser eine sprach aus, ausgesprochnes Wort entfesselte die Lawine der Folgrungen. Er wurde entlassen, um danach als Gemeiner eingezogen zu werden — Hölle des Diensts, jeder Vorgesetzte erkundigte sich nach dem Mann mit den Säbelnarben, vernahm, verhärtete sich.

In Bewegung versetztes Denken verwarf Schritt für Schritt Auswüchse des Militärsystems, Militärsystem als solches, deutsches Bürgertum, das in den Mittelpunkt seiner Geistigkeit die Kriegsbereitschaft stellte, deutschen Staat. Als ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, weil er Aufsätze veröffentlicht hatte, ohne sie vorzulegen, vollzog er den Schritt vom Persönlichen zum Grundsätzlichen, floh.

Führer des Flugzeugs war Rudolfi, ganz junger Mensch. Dieser hatte sich begeistert aus der Schule zum Heer gemeldet, die Erfahrung gemacht, daß er nicht befördert wurde, weil er zu zaghaft war, um sich ins Licht zu stellen: er galt bei den Offizieren für unfähig, Mitmenschen als Herr entgegenzutreten, bestand die Probe der Brutalität nicht. Verwirrung in dem Religiöserzognen, nicht Ruhe gebender Gegensatz zwischen Erinnrung an Abende der Mutter, die Schubert sang, und Brüdern, die als Schlachtfeldandenken Todesarten photographierten: erschütternd Gesichter, über die wie bei bitterlich weinenden Kindern ein Rinnsal lief, aber es war schwarz verbrannt, die ausgelaufnen Augen. Ein Gespräch mit Wendling, und das Grundsätzliche trieb auch diesen Knaben zum Tun.

Nun stand er, der mädchenhafte Zwanzigjährige, im Kreis der Abtrünnigen, und suchte verstört nach einem, der ihm noch einmal zuredete, daß er recht getan hatte; die Kameraden daheim kämpften, waren treu geblieben, er wurde steckbrieflich verfolgt.