„Warum also, Freund Lisbao, sie überhaupt noch treiben? Aus Paradoxie, Abneigung gegen Konsequenz? Ich schlage in diesem Fall doch vor, logisch zu sein und nicht mehr zu dichten und zu malen. Sie sehn in mir den, der mit dem Ehrgeiz begann, schrieb, wirkte, las und stritt, an einem schönen Tag das große Manuskript verbrannte, seither anonymer Gentleman, der ruhig durch die Leute geht und seine Freude an ihrer Dummheit hat, klar, bestimmt, gepflegter Egoist. Laotse ist mir nicht nötig, ich forme mein Brevier mir selbst.“
Er hieß Siriwan. Bei seinen ersten Sätzen glaubte Lauda sich selbst zu hören, und dieser ward ihm wie ein hingehaltner Spiegel, sich zu sehn. Der Gentleman als Variation der sich selbst genügenden Weisheit, der geringste Einschlag von Religiosität oder Aktivität mit höflicher Bestimmtheit abgelehnt, seltsam, wo die Durchbrüche des Geists mündeten; auf jeden wartete eine schon längst gestaltete, banale Form. Causeur mit Frack und Orchidee, war das sein, Laudas, Ergebnis? Ihm war, als habe er den äußersten Punkt erreicht, Fuß halte zögernd an, für Umschlag sei die Zeit gekommen.
Der Rest des Abends war lärmende Diskussion, es sprach ein jeder von sich selbst. Ideen der andren lösten die eignen, und von allgemein gültigen Gesetzen redend, setzte man als Norm ausschließlich sich. Hans, der ihn nach Haus begleitete, sagte:
„Immer wenn ich wie eben Zeuge theoretischer Gespräche bin, denke ich an Wiesen, auf denen Tiere weiden, jedes ruhig, schweigsam, eine Tatsächlichkeit, und ketzerische Gedanken steigen auf, welch ein besondres Tier der Mensch sei: als wäre er verdammt, zwischen den Typen zu weilen, nicht fest, nicht flüssig, ohne endgültigen Aggregatzustand; als ob ein Dämon Rache an ihm genommen, Strafe auf ihn gelegt hätte. Warum sind wir nicht wie die Tiere — weil wir denken? Also ist Denken Zersetzung, Krankheit, Verlust der Sicherheit? Es gibt viele, die sicher scheinen, aber dieses Nichtschwanken ist Erstarrung, und es ist nicht absoluter Natur, sondern bürgerlicher: Macht der Verhältnisse. Ich verstehe Obrecht, den ich liebe, aber ich verstehe auch Lisbao, den Empörer, und selbst Siriwan, der das Bequemste gewählt hat, Zuschauer mit dem scharfen Auge zu sein. Ekstase ist Dämonie, müssen wir dämonisch sein? Ich wäre so gern kindlich; kindliche Dämonie finde ich wunderbar; vor den dunklen Sturm, der aus uns weht, eine Sourdine der Milde setzen oder eine kleine Maschine aus dünnem Stoff, farbigem Papier, die nun zu fächeln und zu glühn beginnt. Stolz der andren, heftig zu sein, ist so fern.“
Lauda dachte an Siriwan, fragte Hans, was er von ihm wisse; Hans sagte:
„Man weiß nichts von ihm. Fragen nach seiner Nationalität beantwortet er mit einem gut pointierten Scherz. So kommt es, daß diejenigen, die sich für solche Realitäten interessieren, allerlei Vermutungen haben, weshalb er nicht dient. Er geht durch alle Kreise; so kommt es, daß der eine, dem er im Hotel in Gesellschaft begegnete, ihn einen schlanken Diplomaten nennt, Freund bürgerlicher Damen oder aristokratischer; der andre, der ihn nachts um zwei Uhr in einer verrufnen Schenke sitzen sah, von ihm als jemand spricht, der den Straßenmädchen Geld abnimmt — Cafégeschwätz, Legendenrankung um die Maske, die Siriwan trägt. Er hat ihrer ein halbes Dutzend, es sind seine Gesichter.“
„Das alles,“ sagte Lauda, „klingt merkwürdig literarisch; man sucht in der Erinnrung, in welchem Stück man dem Gentleman begegnet ist, der durch alle Kreise geht und Masken trägt — es war die kitschige Symbolisierung der tiefen Wahrheit, daß wir Gesichter tragen, um ein Gesicht zu haben, und der noch tiefren, daß wir in verschiednen Gestalten leben müssen, um einigermaßen dem Wirrwarr unsrer Wünsche und Auffassungen gerecht zu werden. Was aber spielt sich dahinter ab, im Zentrum dieses Menschen? Ist sein Denken schmerzlich oder nur obenhin? Ist seine Abneigung gegen Kunst, Reden, Tat geistige Haltung, Mittel naiv zu bleiben und sich Illusion zu wahren? Beruht sie auf einer Energieleistung, denn den Widerstand durchführen, ist eine Leistung, und ihr Sinn kann heißen: es darf sich nicht hingeben, wer sich behaupten will. Wer aber mitdenken, mitleben, mitfühlen will, muß sich öffnen, unlöslicher Widerspruch. Wie löst man ihn annähernd? Durch Nacheinander, durch Rückkehr aus dem femininen Stadium in das männliche, durch Kampf um die Selbstbehauptung, nicht durch ihre Proklamation. Deshalb ist der Gentleman im geistigen Bereich so verdächtig, er wird Systematiker und kalter Verneiner. Es ergibt sich: Aufhebung ist eine Methode, nicht ein Dogma, und das entspricht ihrem Wesen — sie muß sich selbst aufheben. Man darf nicht die produktive Tätigkeit des Künstlers verwerfen, wenn man nicht selbst produktiv ist. Ich werde mit diesem verkehren, er ist mein Spiegel.“
In dieser Nacht blieb Lauda auf und nahm aus dem Koffer die seit zwei Jahren nicht mehr berührten Manuskripte. Legitimes Gefühl, zwei Jahre geschwiegen zu haben, reinlich wie Enthaltung vom Weib und stärkend wie sie.
Er las das Stück durch, dessen letzten Akt er damals abgebrochen hatte, und es strömte zu: Reichtum der Vorstellungen. Er nahm Platz, schrieb, und der Akt ward gehoben in die Sphäre des Jenseits. Nachdem ihm Geistigkeit zwei Jahre lang Zersetzung der in den Erscheinungen wirkenden Energien gewesen war, wurde sie Zusammenballung der Kraft. Ersparte Energie löste aus die verschwendende, vermehrt um den Willen zur Formung: gestaltete Energie. Gespräch mit Hans vor den Bildern hatte finden lassen, daß Kunst Energie ist, der Sphäre des manifestierten Willens angehört (Irrtum Schopenhauers). Phänomen der Anschaulichkeit, war sie von Anschauung getrennt durch die Aktivität.
Das war ihm keine neue Erkenntnis, wohl aber neue Fordrung. Also lag ihm nichts mehr daran, Anschauung erreicht zu haben? Es lag ihm nicht daran, in ihr zu verweilen — auch sie verlangte, aufgehoben zu werden, der Strom floß als Kurve in sich zurück. Entweder man sagte radikal zu allem, was sich in der Sphäre der Tat bewegte und vollzog, Nein und löschte sich aus Ekel oder Erkenntnis aus, oder man kehrte in diese Sphäre zurück, die die Arena des Einsatzes war. Nannte man Anschauung den religiösen Zustand, dann war Rückkehr zum Ja Abschwächung des Religiösen — Schicksal, das noch jede Religion erlitten hatte, als sie sich in der als Reich der Sünde und des Leids verworfnen Welt doch einzurichten begann.