„Der Mensch versteht den Sinn des Ornaments nicht mehr. Niemals in der Natur werden Sie finden, daß irgendein Geschöpf, Tier, Pflanze oder Stein, die Gestalt eines andren bestehenden Geschöpfs als Schmuckmotiv verwendet, der Schmetterling ein Blümchen oder gar den Zwerg — das tut nur der Mensch auf seinen Lampenschirmen. Das für sich abgeschloßne Geschöpf kommt als Motiv nicht in Betracht, denn es ist andrer Art; jedes Geschöpf findet seinen Schmuck aus sich selbst, das heißt aus seiner körperlichen Form; ist sie ein Kegel etwa, wie man sie am Seestrand findet, laufen von der Spitze zum Kreis der Basis Rillen, seien sie punktiert, seien sie zwei parallele Linien. Europäische Kunst von heute ist unorganisch, das ist ihre Lüge. Der Maler, der die Kuh malt, der Plastiker, der die Nymphe meißelt, ist so Pfuscher, wie es ein Schmetterling wäre, der auf seine Flügel Putten setzte.“
Puck sagte: „Ich kann Ihnen die Bestätigung vor Augen führen, sie liegt in meinem Hof.“
Man ging hinaus, er richtete das Licht einer Taschenlampe auf Holzstämme, die auf die Säge warteten, und wies eine Stelle, wo die Rinde gelöst war. Man sah die Gänge, die der Borkenkäfer zwischen Stamm und Rinde gebohrt hatte, sie waren eingegraben in Stamm und Rinde. Rillchen lag neben Rillchen, zitternd gewellte Parallelen, durch Querstückchen miteinander verbunden — das war das einzelne Feld. Feld stand mit Feld durch Hauptgänge in Beziehung, Hauptgänge strahlten in den Mittelpunkt. Entscheidend aber wurde, daß als Ganzes genommen dieses Rillensystem nichts andres war als der Längsschnitt durch die Ebne des Käfers selbst, so geschlossen und rund wie das Wappen eines Heraldikers — das Tier hatte sich selbst reproduziert, der Idee nach, als Gerüst sowohl wie als innre Anatomie.
„Gut,“ sagte Puck, „wir ziehn unsre Berechtigung aus der Natur selbst, und wenn wir so praktisch demonstrieren, können wir das Publikum überzeugen. Dürfen wir das Geheimnis verraten? Wir würden zu neuen Naturalisten werden. Meine Herren, ich stelle in uns auch noch einen andren Trieb fest, einen diesem Jasagen, diesem realistischen Ernst entgegengesetzten. Wir wollen eine Diskussion eröffnen, ich will nicht verschweigen, daß in einigen unter uns eine Opposition gegen die Religiösen besteht, wenn wir religiös Obrecht, Hans und die den Kunstformen der Natur Anhängenden nennen.“
Wieder im Haus, stehend vor den Sitzenden, entwickelte er:
„Laßt uns die Kräfte überschaun, die uns zu Gebot stehn. Vorfahren sind deutsche Romantiker und Pariser Bohemiens, die einen erfanden die romantische Ironie, Aufhebung des Ernsts, die andren das Den-Bourgeois-Ärgern. Beides bleibt zu benutzen, ist nicht genug. Gegner ist die Realität, der Bürger; wir können ihn nur schlagen, wenn wir ihn mit seiner eignen wundervoll zum Existenzkampf ausgebildeten Waffe bekämpfen, der Organisation, auf die er so stolz ist. Auch denkt er bereits in Kontinenten, erdballkosmisch, international. Organisieren wir den Welthumor, schärfren, höhnenderen als den alten. An zehn Stellen muß die Bewegung auftauchen — Ansätze sind ja da — und in einem Gewand auftreten, daß er sie für ernst nimmt. Wir suchen ihn in seinem Lager auf, benutzen seine Publikationswege, Zeitung Reklame Prospekt und Straße, sie alle ad absurdum führend, ohne daß er es merkt. Fortwährend durch selbstverfaßte Notizen in den Blättern stehn, den Nobelpreis für uns verlangen, wenn er fällig wird, die eigne Todesanzeige in die Zeitung setzen und sie behaglich im Morgenblatt lesen, um acht Uhr früh Extrablätter der „Neuen Zürcher Zeitung“ herausgeben, daß Japan und Mexiko auf die deutsche Seite getreten seien, und um neun die Kursbeßrung ausnutzen, das heilige Vertrauen der Bürger in die Presse stören, gefährlich sein, das Tamtam der Heilsarmee an etwas wenden, was der Nachhilfe gar nicht bedarf, weil es schon in allen Köpfen sitzt; ein nicht existierendes Genie durch tägliche Bulletins berühmt machen; die Sensationslust der Menge wie ein Geschäftsmann gewordner Psychoanalytiker berechnen und, ist der Fisch an der Angel, ihm die Schuppen der Überzeugungen vom lebendigen Leib ziehn.“
Obrecht erhob sich, sagte schwer:
„Ich bin kein Redner, man soll das Wort sparen für heilige Dinge, das Wort kommt vom Geist. Sprudelt es hervor wie bei Doktor Puck, lachend zu tanzen, kommt es vom Bösen. Wir sind Künstler, das sind Suchende, Hüter und Heger des Anvertrauten. Wir malen anders als Rembrandt und Delacroix, sind sie darum weniger als wir? Ich nenne sie Brüder.“
Lisbao erregt zu ihm: „Sie malen besser als Sie philosophieren, warum philosophieren Sie? Sie machen Kunst zu einer sozialen Angelegenheit, es fehlt nicht viel, so definieren Sie sie als Hilfe, die wir den andren bringen. Kunst ist die asozialste Angelegenheit, die egoistischste, die es gibt, Traum des Ego in der Höhle der Individualität von sich selbst. Kunst treiben und den andren verekeln, sie treiben und vor sich selbst verekeln, anders ist sie nicht erträglich.“
Der letzte, den Lauda nicht kannte, stand auf und sagte kühl: