Was Lisbao derb mit dem Wort bezeichnete, Schweine sind sie auf beiden Seiten, und Mitrofan mit dem andren: sie sind beide Verbrecher, formte sich in ihm als Einsicht, daß die Staatsform, die sich ein Volk gab, nicht Schuld war, sondern Schuld wurde. Es konnte sich höchstens um Entwicklungsstufen handeln und nur die Feststellung erlaubt sein, daß das eine System besser geeignet sei, bestimmte Grundfordrungen des staatlichen Lebens, etwa gleiches Recht und gleiche Verantwortlichkeit des Einzelnen zu verwirklichen, als das andre.
Er ward sich klar, daß diese Betrachtung die der reinen Anschauung war, die nur feststellt, nicht wertet. Er ward sich danach auch klar, daß, wer nicht wertet, sich von der Sphäre der Tat ausschließt — unmoralischer Vorgang im Sinn eines unhygienischen, denn es verlangt die Energie, die die Erscheinungen schafft, Betätigung, Einsatz, Rotation, Umwandlung — alles Ersatzworte für den einen Grundbegriff: Gehorsam gegen das Gesetz, das Stillstand untersagt.
Der Begriff der Mutation war es, der ihm die moralische Wertung des Phänomens des deutschen Militarismus und die Anerkennung von Regulativen des Gesellschaftlichen erlaubte. Unterhaltungen mit Wendling brachten eine große Überraschung: es deckten sich die Ideen. Der Arzt hatte unternommen, den Begriff Krieg wissenschaftlich zu zergliedern, nicht a priori setzend, daß Krieg eine Degeneration der natürlichen Anlage, sondern durch Zivilisationen hindurch ihr adäquater Ausdruck sei; aber was ursprünglich natürlich war, wurde mit fortschreitender Vermenschlichung und wachsender Suveränität Atavismus.
Genau das war im Begriff Mutation enthalten: neue Ideen bedingten eine neue Achse des gesellschaftlichen Zusammenlebens; neben den Begriff Einer und Ego, trat der des Bruders — unethisch, rein rationell ausgedrückt, der der Organisation. Der Natur gehorsames Tier bedurfte keiner Regulative; der Natur sich entwöhnender Mensch bedurfte ihrer; Ethik war nur der Imperativ, der von einem Präsens in ein Futurum führte.
Die Form, die sich der deutsche Organismus gegeben hatte, war wohl Schicksal, unentrinnbar kausal verkettet; aber die deutsche Schuld begann da, wo Widerstand geleistet wurde gegen eine deutliche Mutation der ganzen Menschheit, die daran arbeitete, Macht durch Reglung zu ersetzen. In einem Augenblick, wo sich aus dem Denken des Erdballs der Gedanke des höheren Regulativs bereits hervorrang, hatte Preußen noch einmal alle Energie darauf verwandt, ein Instrument der Macht zu schaffen, jede Äußrung geistigen Lebens, Philosophie und Wissenschaft zum Trabantendienst zu zwingen — Schuld hieß hier: eine alte Methode als größte Tatsache Europas aufzurichten.
Selbst der Vergleich mit England war nicht richtig. England war wohl durch dieselbe Methode groß geworden, aber in der Blütezeit dieser Methode, und von England war zu sagen, daß es Bereitwilligkeit zeigte, den neuen Fordrungen sich anzupassen, es war der Mutation gehorsam. Schuld Deutschlands war, daß es sein Schicksal ohnmächtigen und durch ihr Machtgefühl verdorbnen Menschen überließ, die Parolen ausgaben, wo sie Rechenschaft hätten ablegen müssen, ihren Dienern Befehle erteilten, wo sie Männer hätten zu Rat ziehn müssen — Deutschlands Schuld war der unbeschränkte Freibrief, den es seinen Regierenden gab.
Wenn Demokratie einen Sinn hatte, dann den, daß der christliche Gedanke, wir seien alle Menschen hilflosen Hirns und darum gleichberechtigt und gegenseitig zur Hilfe verpflichtet, in ihr eine grundsätzlich politische Form gefunden hatte. Möglichkeit der Mitbestimmung und der Kontrolle; wurde Schicksal gemacht, so trugen es alle. Man konnte zugeben, daß in den westlichen Demokratien dieses Kontrollrecht noch nicht rein ausgebildet war, durch Demogogie befleckt wurde: worauf es ankam, war, daß dort gleichwohl dieses Recht aufgerichtet stand, sein Sieg nicht bezweifelt werden konnte, die Idee gefunden war.
Überall in den Demokratien wurden die Ideenträger als Hüter, Bahnbrecher, geistige Elite angesehn, Pazifist war nicht verächtlich, heißblütiger Wächter über garantierten Rechten galt als Mann von Adel und Herz — in Deutschland wetteiferten die Intellektuellen, eine irrationale Philosophie zu treiben, die dem Herrn sein Herrenrecht bewies, oder standen lustlos zur Seite — Mangel an Noblesse, die wacht, eintritt, kämpft.
Daraus ergab sich ihm die Aufgabe, der vielfache Gegner: die Feigheit der deutschen Geistigen, die triumphierende Selbstunterordnung der deutschen Menschen unter die Herren, die Anbetung eines nicht mehr lebensfähigen Prinzips. Und es ergab sich die Möglichkeit, diesen Dreifrontenkrieg, obwohl er nur mit dem Wort, dem Abgegriffnen, Verhurten, operierte, reinlich, straff zu führen, ohne die Geschwätzigkeit derer, denen die Welträtsel gelöst waren, weil sie den Freisinn hatten.
Die Aufgabe gestellt, brach er die Brücke zur Sphäre des Absoluten entschlossen ab, stand in der der Tat, der wertenden, streitbaren; Energie des Totalen durfte nur Florett sein, den Stoß zu führen. Kein Zweifel, nur Glaube, keine Zersetzung, nur Konzentration. Er fühlte die Grausamkeit der Tat in sich strömen, Sphäre des Geschehens war die des Hasses, der täglich wachsenden Feinde, des Hohns, der unterdrückten Liebe, der sich suchenden Männer. Traf er Elena, die sich La Putana nennen ließ, sah er im Schwung ihres Munds denselben Trieb, sich vom Blut der andren zu nähren, denselben Triumph, zu sein und Schicksal für Menschen zu werden; und sich mit ihr verstehn, war wie Kommunion des Irdischen; Sinnlichkeit des einem Zweck dienstbar gewordnen Geists und die des Fleisches, das Macht suchte, waren eins.