Sie verschwand auf Tage, Wochen, das Goldnetz aus ihren Opfern zu spinnen, aber wenn sie zurückkehrte, suchte sie ihn auf, bei dem sie unausgesprochne Bestätigung der Idee ihrer Erdentage fand. Was er schrieb, verstand sie nicht, aber die Gemeinsamkeit aller Dinge, die aus dem Willen kommen, gab ihr: das Brudergefühl.
Fräulein Betz hatte ihn mit Elena gesehn; sie riet, vorsichtig zu sein.
„Warum?“ fragte er, „weil der Agent des Konsulats, den ich nun wie einen plumpen Schatten hinter mir beobachtete, mir zu einem Aktenvermerk verhilft, in dem neben ‚Landesverräter‘ steht ‚Verkehrt mit einer Dirne‘? Wie hilflos man gegen solche abstrakten Charakteristiken ist (und fügte in Gedanken hinzu: sie fallen ins Gebiet der Bewertungen, Beweis wie brutal dumm diese sein können, wie infiziert vom Unrecht des Urteilens).“
„Nicht darum allein handelt es sich,“ antwortete Fräulein Betz, „Sie sind der Bewegung, die Sie vertreten, Rücksicht schuldig, und Sie dürfen den schweizerischen Detektiven, die mit den deutschen Agenten in Verbindung stehn, nicht Gelegenheit geben, ihrerseits einen Aktenvermerk zu machen. Sie sind doppelt rechtlos, man wird Sie hetzen; sobald Ihre Regierung Vorstellungen über Ihre Tätigkeit erhebt, werden Sie der politischen Polizei lästig. Sie müssen auf Leumund bedacht sein, dürfen nur als politischer Idealist, demokratischer Vorkämpfer gelten. Es ist wahrscheinlich, daß unter der Klientele des Mädchens auch Parteigänger oder Spione der Entente sind: eine Denunziation des deutschen Überwachungsdiensts, und Sie geraten in den Verdacht, Mittelsmann zu sein.“
„Das sind Winke,“ sagte er, „an die ich nicht gedacht hatte; aber sie gehören zu denen, die man nur zu erhalten braucht, um ihre Realität einzusehn — alles Gemeine, Egoistische, Lieblose, das man von der Realität erfährt, leuchtet ein; es ist, als wachse man sofort als vollgültiges Mitglied in sie hinein und trage das Wissen um sie als eingebornen Besitz in sich.“
Danach besprachen sie die Aufgabe, die Madeleine Betz bei dem Blatt zufiel. Sie war Frau, ihr Wirkungskreis war die Frau. Es kam weniger darauf an, für ihre staatsbürgerlichen Rechte und Politisierung einzutreten, als ihre natürlichen Instinkte, die gegen Krieg und Gewalt standen, zu wecken, es galt, ihr die Augen zu öffnen, wie erbärmlich es war, daß sie dem Mann nachsprach, was er zur Rechtfertigung des harten Geschehens vorbrachte, und in Lazaretten seine Wunden heilte, damit er wieder an die Front ging.
„Ich lese,“ sagte Fräulein Betz, „die Schriften jenes einzigen Indiers, der uns bekannt ist, Tagore. Es ergreift mich, wie ein Asiate, der der Verwalter des Geists Buddhas ist, Europa vom Osten her sieht. Was wir wohl sagen, aber nicht Erschüttrung werden lassen, daß der Europäer der Materialität verfallen ist und wie ein mißbrauchter Sohn des Bösen die Eingeweide der Mutter in Eisen und Chemie verwandelt — er fühlt es unmittelbar, schmerzhaft; er sieht es legendenhaft wie einen Aufmarsch von Urprinzipien; Europa muß ihm der Fluch heißen. Was kann, für ihn, grauenhafter sein, als daß unsre Frauen Granaten drehn, Hochöfen speisen, Bahnen baun? Der Orient, der die Frau in ihrer Passivität niederhält, muß ihm doch als Hüter der Weisheit und der mütterlichen Kräfte erscheinen, die weibliche Passivität als der große ewige retardierende Faktor, Gegenstück des von seiner Aktivität verzehrten männlichen.“
Am Abend dieses Tags durchblätterte Lauda, während Elena auf seinem Divan lag, Zeitschriften. Blickte er auf, sah er die hohe Kurve ihrer Hüfte, und an Madeleines Worte sich erinnernd, dachte er: Verkleide sie dort auf dem Diwan in die orientalische Tänzerin, nicht mit Stoffen behängt, mit Rubinen, Smaragden, Steinen, spitz wie ihre Brüste, und sie ist ein Tempelmädchen, mühlos zur noch symbolischeren Astarte erhöhbar — auch das ist indisch, fern dem mütterlichen oder auch nur lotussanften Mädchenhaften.
Nicht Indisch und Europäisch sind Gegensätze, sondern Zart und Hart, Mild und Grausam; nur die Dichtigkeitsunterschiede sind Prinzipien. Gretchen und Astarte, Lotusmädchen und Messalina sind erst dann auf den gemeinsamen Nenner Frau, Attila und Christus auf den des Manns zu bringen, wenn man statt in den Frauen Passivität, in den Männern Aktivität zu sehn, in ihnen allen den Kampf zwischen Passivität und Aktivität erkannt hat; erst das Vorwiegen, der Sieg, der vielleicht auf einem winzigen Mehr beruht, bestimmt den Gesamtcharakter. Die Aktivität Messalinas ist zunächst primärer als die Christi, unendlich stärker als sie; das ganze Temperament des in die Existenz schießenden Willens ist darin, die Urenergie vor aller Geschlechtsdifferenzierung ist darin.
Was macht den Unaktivren gleichwohl zum Überlegneren, was befähigt ihn zur Handlung, wenn man die Ersinnung einer Religion Handeln nennt? Etwas Sekundäres: das Vermögen, Vitalität in Geistigkeit zu verwandeln, die Einschaltung eines Widerstands, an dem die Sinnlichkeit sich bricht und als Gedanke ausstrahlt. Primäre Sinnlichkeit braucht sich auf, bleibt Phänomen, findet keine Projektion; verwandelte wird Wirkung über das Individuum hinaus.