Aber nun erhob sich die Komplikation, die Madeleine schon einmal ausgesprochen hatte: die Widerstandsfähigkeit, diese Voraussetzung des Denkens, wurde von den Müttern vermittelt, war Gabe der Frau an die von ihr Gebornen, das Männlichste wuchs aus dem Weiblichsten. Trägheit — Passivität — Widerstandskraft, in dieser Atomkette lag das Geheimnis. Praktisch gesprochen: wie in der Sphäre der Existenz alle Erklärung dualistisch operierte, waren Gretchen und Lotusmädchen das eigentliche Weib, und Madeleine durfte sagen, daß die Frau, die hütete und hegte, wenn sie sich nicht astartehaft selbst verbrannte, der ewige große und retardierende Faktor war, der die Instinkte der Liebe und Güte ausbildete. Liebe, diese Liebe, was war sie, wenn man sie nicht als ein moralisches Faktum ohne präzise Definition hinnahm, sondern auf das letzte Prinzip der Energie zurückführen wollte, andres als ein Hemmungsphänomen, das der rein vitalen Wut des Sinnlichen und noch nicht Gestalteten die Idee des Gestalteten, das Recht des Einzelnen und Vereinzelten auf Selbständigkeit entgegensetzte?

Hier ward faßbar: die Geburt eines Gedankens aus dem Sinnlichen, einer Idee aus dem Gefühl der Totalität, eines Verständlichen aus dem Vitalen, eines Herzlichen aus dem Energetischen, eines Moralischen aus dem Egoistischen: es mußte erlaubt sein, Phantasie und Verstand gleichzustellen, weil die Gleichstellung auf ein Drittes, Übergeordnetes zielte.

Er schaute, während er dachte, Elena in die Augen, unbewegt; sie beobachteten sich wie Tiere, deren Blick durch die Dinge geht, weil die Dinge nicht Widerstand für sie werden. Was war Denken, von der Physis und in ihr gesehn? Ein Dunst aufsteigend aus der innren Landschaft, wie Regen aus der der Täler und Berge aufsteigt, ein Niederschlag des Bluts, des Fleischs, des ganzen Organismus, der sie rotierend ausschied, wie kreisende Erde die Atmosphäre; ein Duft gleich dem der Pflanze war Denken, so sehr, daß von der unsterblichen Seele nicht mehr zu sagen war als von der der Pflanze.

„Sie träumen,“ sagte Elena und lenkte ihn ab. In der Zeitschrift blätternd sah er ein Bild der Duse; sie stand in einer Szene der „Toten Stadt“ am Turm, ihre Schlankheit in schwarzen Kleidern parallel zu der des höheren, aber der Kopf war zurückgelegt und sie schaute hinaus. In diesem Blick alle Zartheit, die gebrochen worden war und doch sich behauptet hatte, alle Tragik, die erlebt hat und doch demütig stolz ist, ewige Bereitschaft, weiter zu dulden und stolz zu sein, die vollkommenste Frau, Barbaren zur Huldigung zwingend, Siegerin über den, dessen eitler Kopf neben ihr abgebildet war und der sie in die Bücher gebracht hatte. An ihr ward klar der tiefe schöne Inhalt, mit dem sich das Wort Passivität der Frau erfüllen konnte; diese Frau am Turm war Hüterin des Retardierenden, der Liebe, Gestaltung des Gedankens des Indiers, große Europäerin.

Am vierten Jahrestag des Kriegsbeginns ging Lauda durch die Bahnhofsstraße, um fünf Uhr sollten die Straßenverkäufer die erste Nummer der Wochenzeitung ausbieten. Er sah ein Gedränge, hörte Schreie; ein Polizist warf einen knabenhaften Mensch in eine Kutsche, drückte neben ihm sitzend seine Hände nieder, den Vergewaltigten schüttelte ein Lachkrampf, es war Puck. Lauda dem Wagen nachgehend ward von Lisbao angehalten. Lisbao sagte:

„Wir saßen, Miß Lilian, er und ich, beim Tee im Hotel; er war wie sonst, beobachtete die Menschen, kleidete die Reizung in die ihm eigentümlichen preziösgewundnen Worte, so daß man empfand, die Menschen ziehn an ihm wie Marionetten vorüber, jeder am Draht seiner Eitelkeit, Lüsternheit und gespreizten Wichtigkeit. Langsam begann er anzüglicher zu reden; wenn Frauen vorübergingen, zeichnete er die Kurve ihrer Sinnlichkeit auf dem Tischchen nach, ekelte sich, hob die Hand gegen Lilian und sagte: ‚Blancheflor, ich habe einen Augenblick des Muts, den ich zu Haus nicht finde, entlassen Sie mich aus Ihrem Dienst. Wenn wir uns ansehn, finden wir uns beide bleich, uns ist Frau Minne Flagellantin. Ich sehe eine Wand, den Totentanz darauf und ich und Sie darin Figuren. Mir graut —‘ und bei diesem Wort machte er einen Satz gegen die Fensterscheibe, als wolle er durch sie springen. Sie war hochgezogen, er stürzte draußen auf die Kniee, Auflauf, Abtransport ins Irrenhaus.“

Sie gingen ins Polizeigebäude, es war unmöglich, zu Puck zu gelangen. Er hatte, als er Uniform und Gitterfenster sah, sich widersetzt, den Agent in die Hand gebissen, sich selbst zu einer Beobachtungszeit beim Psychiater verurteilend. Lauda ging mit Lisbao in die Stadt zurück. Als er an einem Stand seine Zeitung kaufte, hielt ihn Lisbao fest und zeigte auf ein Heft:

„Wir hängen nebeneinander, Herr Lauda,“ sagte er spöttisch, „wir sind am gleichen Tag herausgekommen, Ihr ernstes Blatt und unser unernstes. Vielleicht ist Puck über der Redaktion verrückt geworden, es wäre die schönste Reklame, vielleicht ist er nur überarbeitet, wir haben alles selbst in einer Winkeldruckerei gesetzt.“

Sie gingen in ein Café, die Blätter zu lesen. Das Pucks enthielt Manifeste Siriwans und Pucks, Verse Lisbaos und Hans’. Wenn nun Puck es bei sich trägt, dachte Lauda, wird es sein, als finde man bei einem des Mords Verdächtigen Besitztum des Getöteten.

„Was erwarten Sie von diesem Blatt?“ fragte er.