„Nichts. Sie wollten einmal wissen, warum ich noch Verse mache, wenn ich das Wort Kunst hörend nur eine Grimasse ziehn kann. Sie haben recht, Kunst ist nicht einmal das, was ich antwortete, Zeitvertreib. Als wir das Blatt vorbereiteten und zwischen Schreibmaschine und Setzkasten tätig waren, erfaßte mich der Rausch der Geschäftigkeit, nun ekelt mich davor. Was erwarten Sie von Ihrem Blatt?“
„Die Durchführung einer Idee, zu der ich mich entschlossen habe. Sie sichtbar machen, alle Energie an sie wenden, alle Konsequenzen tragen, ist auch Zeitvertreib, Ausfüllung des großen Nichts, in das wir stürzen, wenn wir vom Absoluten her das Leben betrachten. Der Unterschied zwischen uns ist, daß ich mir zum Aufbau meiner Geometrie, dieser Illusion mit saubren, klaren Gesetzen, eine Idee wähle, die mich von mir, einem Anlaß zur Selbstvergiftung, fernhält und Mitmenschen erlaubt, ihre Energie ihrerseits mit meiner zu vereinigen. Verziehn Sie nicht das Gesicht, Mitmensch ist Tatsache neben mir und Energiebetätigung ist so sehr Gesetz, daß sie unterbinden heißt, an Stauung sterben. Der tiefste Gedanke, auf den praktisches Denken stoßen kann, ist hygienischer Art: gehorsam sein der Kraft, die uns erzeugte. Sie ist blind, sie ist aber auch Mutter — sehn Sie, wie das rein Phänomenologische ins Gefühlsmäßige übergeht? Was ist diese Liebe? Gehorsam, Aufgeben des Widerstands gegen die Tatsache der Existenz. Sie hassen Moralität? Warum? Vorausgesetzt, daß man sich nicht auslöscht, hat man die vernünftige Pflicht, sich mit der Existenz abzufinden, und sich abfinden hat zur Folge, daß man nicht grämlich Ja sagt, sondern energisch, klar; nicht leidet, sondern seine Aufgabe erledigt. Es bleibt Ihnen erlaubt, Kunst eine fixe Idee zu nennen, aber eine fixe Idee, an die man seine Energie setzt, wird Inhalt.“
„Geben Sie acht,“ sagte Lisbao, „daß Sie nicht Wanderprediger des Optimismus und des Maximums an Glück werden.“
„Angst vor Banalität? Haben Sie noch nicht erlebt, daß Gedanken, die Ihnen seit Wochen unerhört erschienen, mit einem Durchbruch in längst gesagte Banalität endeten, wie man, sich verirrend, nach Visionen mittelalterlicher Verzauberter, auf der wohlbekannten Ebne vor der Stadt herauskommt? Wissen Sie, wo wir alle enden, wenn wir Himmel und Hölle durchschritten haben? Bei dem Gedanken, daß es gut ist, die Heranwachsenden zu erziehn und den Erwachsnen durch Kunst, Wissenschaft, andres ein wenig Glück zu geben, auch dabei, das Haus des Menschen, die Gesellschaft, vernünftig zu baun.
Das ist die praktische Form von Souveränität, alle andren, die sprengenden und grundsätzlich revoltierenden, werden auf die Dauer Leidensformen. Was ist Puck? Ein Psychopath, einer, dessen Nerven schwächer sind als die Säule der Existenz, die auf ihnen lastet. Jeder ist Psychopath, der schwächer als die Ideen ist, die in ihm nisten.“
„Heute morgen,“ antwortete Lisbao, „dachte ich allerdings wie Sie. Siriwan und ich wohnen im selben Hotel. Um sechs verlangte ihn ein Paar zu sprechen, eine erschöpfte Frau, ein mitgenommner Mann, zwei österreichische Revolutionäre, die ersten, die dem russischen Vorbild nacheiferten und zum Streik gegen den Krieg aufforderten. Der Mann der Frau wurde verhaftet, sie flüchtete mit dem Genossen über Hochgebirge und Schnee, zu Fuß von Innsbruck bis Zürich. Siriwan sollte sie unauffällig mit Nüßli in Verbindung setzen, sie bringen Botschaft von den Russen. Sah man sie, Fanatismus war größer als Erschöpfung, dachte man: sie sind arme Tiere, von einer Idee gehetzt, die ihnen alles gibt, was Menschen zu innrer Nahrung zu brauchen scheinen, Gefühl der Wichtigkeit, des Mehr als-andre-Seins, des Geheimnisses, des Schmerzes, der ein süßer Druck ist, des Hasses, der den Druck verstärkt, der Beredsamkeit, in der die Spannung entströmt, und der Tat, die sie, wie eine vergiftete Katze die Droge, in sich tragen.“
„Ganz recht,“ antwortete Lauda, „so gesehn ist das Bild real und objektiv.“
„Also mein Ekel berechtigt.“
„Doch nicht. Denken Sie scharf. Der Ekel ist etwas, was Sie hineintragen. Sie finden ihn nicht im Bild, dem betrachteten Material. Er ist subjektiv, durchaus Auslegung. Sie müssen sich, wie ein neuer Kant, fragen: welches sind seine Grundlagen, realen Bedingungen? Und hier ergibt sich, daß wir mit der gleichen Legitimität zwei Auffassungen haben können, eine so begründbar wie die andre, Nein und Ja, deren jede aber die Pflicht enthält, die Konsequenz zu ziehn. Sehn Sie in allem Treiben nur das Sinnlose, das Leid, das Abrollen einer Vitalität, die um ihrer selbst, nicht um unsrerwillen da ist, dann vollziehn Sie, als Imperativ gesagt, den Akt der Souveränität und der Ablehnung, den Selbstmord. Erklären Sie sich einverstanden mit dem unverlangten Geschenk der Existenz, dann erklären Sie die Autonomie des von der Urenergie ausgesetzten Geschöpfs und verhelfen Sie ihm zu einer saubren Ordnung, dem wohnlichen Haus, proklamieren Sie das Glück an Stelle des Leids; und Glück heißt Beherrschung der Kräfte, Überlegenheit den Geschehnissen der Existenz gegenüber. Glück ist Waffenstillstand, den innren Vorbehalt des Wissens berührt es nicht. Das ist die Souveränität des Ja, wie der Selbstmord die des Nein ist. Was Sie, Puck, Siriwan tun, ist Halbheit, ihr schleppt die Existenz weiter und hebt euch nicht aus dem Leid.“
„Sie raten mir also kurz und klar, mir eine Kugel durch den Kopf zu schießen?“