„Nur konsequent zu sein. Löschen Sie sich aus, so halte ich Ihnen eine unbefangne Nachrede; Feststellung darin, daß Sie nicht gesund genug waren, wird Ihnen gleichgültig sein. Denn von Gesundheit darf man reden, weil jedes Geschöpf die vorwärtsdrängende Sinnlichkeit mitbekommt, und wenn Sie wollen, ist diese Mitgift das einzige Prä, das das Ja vor dem Nein hat.“

„Wie banal.“

„Durchaus, wenn auch Gesundsein nicht besagt, daß man nichts von dem Ekel verspüre, den die Feststellung der überall existierenden Sinnlichkeit auslöst. Mich verläßt das Wissen um sie keinen Augenblick, ich sehe sie im Glanz der Augen, der Kurve der Wangen, höre sie im Mezzosopran der Sängerin, notiere sie halb zynisch, halb gelassen, und wenn ich wie ein Tier über der Frau bin, denke ich, wir ordnen das alles in unser Dasein ein, wissen darum, verhöhnen damit den Gott, dem wir für das Leben danken sollen — es sei. Was Ihnen und Ihresgleichen fehlt, ist das Mitleid, das annähernd Aufhebung des Leids ist. Auch ich bin nicht gütig, aus mir wird nie das Bekenntnis der großen Liebe brechen, mit dem man am bequemsten zu einer repräsentativen Stellung gelangt; aber ich mische in mein Denken genau die Dosis Mitleid, die real und objektiv ist: Mitleid gründet sich auf die Tatsache, daß Einzelgeschöpfe neben mir sind und, noch metaphysischer, daß das Individuum, an sich nur Vorwand der Energie, sein eignes Dasein auszubauen unternimmt, sich der Totalität entzieht; mein Mitleid ist Gerechtigkeit.“

Die Saaltöchter begannen die Tische zu decken, nach französischer Manier wandelte sich die Galerie des Cafés zum Speisesaal. Hans und Siriwan tauchten auf, erklärten, fünfzig Franken zusammengelegt zu haben, um sich den Abend der Illusion zu schenken, Kommunion mit der Grundtatsache essender Körperlichkeit und ihrer nach dem Geistigeren ausgreifenden Derivate, als da waren Flirt, Musik, Gespräch, Blick auf Kristall und in Taft entblößte Schlankheit von Armen.

Hans, sparsam lebend, feierte solchen Abend selten, Siriwan, als kenne er keine andre Art, zu Tisch zu gehn; Hans empfing von jedem, der um ihn saß und kam, die Schwingung, Siriwan sah nichts, sagte alles zu wissen.

„Was denken sie,“ fragte Hans, „die geldmachenden Männer mit den blaurasierten Wangen und die Weiber, die sie vom Goldschmied hierher führen? Vielleicht, daß es so in der Ordnung sei; aber vollzieht sich nicht in jedem von ihnen, hinter seinem Bewußtsein, fortwährend eine Art religiöser und philosophischer Auseinandersetzung? Kreisen sie nicht ununterbrochen um den Grundgedanken von Ja- und Neinsagen? Es schlechtes Gewissen zu nennen, wäre zu viel, aber sie alle operieren mit dem Gegensatz, dem Reiz, daß draußen andre hungern, schlecht verdienen, nutzlosen und verachteten Ideen des Altruismus nachhängen.

Als ich das letztemal hier war, wurden plötzlich die eisernen Läden herabgelassen, weil Streikende demonstrierten, Steine gegen die Scheiben warfen. Eine Sekunde erblaßten sie, dann wandten sie sich um so breiter dem Genuß zu, und in dieser Nacht umarmten sie ihre Weiber gesteigert in Befriedigung, die zugleich Bewußtsein war, das richtige Weltbild zu haben, mit der Sinnlichkeit identisch zu sein — ja ein Gehorsamkeitsgefühl ist in ihnen, das ‚Lebt! — So wollen wir leben.‘ Und dafür gestehe ich ihnen zu: das Brudergefühl. Seht, wie sie stopfen und schütten, wie die Brillanten sprühn.

Suche ich zu überlegen, was die in diesem Raum Versammelten an diesem einen Tag an List, Niedrigkeit, Raub, Lüge begangen haben, die Frauen an Verkauf ihrer selbst, Betrug, Habgier, die Musiker und Angestellten an Eifersucht, Neid, dann ist es, als sei die Existenz, durch die ich gehn muß, die brennende Stadt der Apokalypse, die über mir zusammenschlägt. Ich erkläre so den Traum von der brennenden Stadt, der oft in meinen Nächten wiederkehrt. Ich glaube, daß wir uns in jeder einzelnen Sekunde mit dem Leben auseinandersetzen, eingehüllt in einen Dunst, der aus uns steigt, oder in erregteren Momenten ein Gleichnis für es suchend.“

„Sie haben recht,“ antwortete Lauda, von Freundschaftlichem zu ihm bewegt, „es kann nicht anders sein, als daß der Kosmos, der keine Sekunde ohne Rotation und ohne Wärme ist, jederzeit auch eine Bewußtseinssphäre um sich legt, aus der alles steigt, was wir Traum, Denken, Fühlen nennen. Der Schmarotzer dort mit den kauenden Backen fühlt sich selbst, seine Stellung im All, die Nähe der andren, den Gegensatz zu ihnen, der nur ein andres Wort für Einheit mit ihnen ist. Wir atmen Denken, und man könnte sich vorstellen, daß wir alle jederzeit gegen einen Mittelpunkt der vollkommnen Bewußtwerdung vorrücken, wie die Himmelskörper nach einem Zentrum der Rotation.“

„Ist es erreicht —“