„Werden die einen sehn die vollkommne Harmonie, Summe der Verkettungen, Sphärenklang, die andren die grauenhafte Entsieglung des sinnlosen Geheimnisses, Rasen, Wüten, Ablauf, Sturz in die Zeit, Asche der sich selbst verbrennenden Energie. Ob Anfang, Mitte, Ende der Zeit, es ist jeden Augenblick gleich erlaubt, Ja und Nein zu sagen, Widerstand zu leisten und ihn aufzugeben, Welt zu regulieren und von der Illusion der Regulative zurückzutreten. Höre ich in mich hinein, vernehme ich das Geschrei des jüngsten Tags so gut wie den geordneten Gesang der Chöre, die Zeiten und Räume zusammenfassen.“

„Ich habe über Ihre Theorie des Widerstands nachgedacht,“ sagte Siriwan. „Widerstand ist das Prinzip, aus dem Sie die Geburt der Existenzen erklären, weiterhin im Mensch die Entstehung von Idee und Gefühl; und es ist gewiß überraschend, wenn Sie Liebe ein Phänomen des Widerstands nennen. Die Gesamtheit der Widerstände ergibt den Zustand der Souveränität, der Leid nicht leugnet, aber bändigt. Also ist derjenige, der leidet, widerstandslos. Wie aber kann er leiden, wenn nicht deshalb, weil er Widerstand leistet? Und der Souveräne, der sich mit der Tatsache der Existenzen abfindet, gibt er Widerstand nicht auf?“

„Beweis, daß jeder Entschluß, genauer die Verwirklichung einer Idee, uns auf die andre Seite setzt — wir finden uns staunend auf dem jenseitigen Ufer. Tat ist ein Prisma, das die Strahlen der Ideen im rechten Winkel zum Einfall bricht. Tat ist Aufhebung der Idee, obwohl von ihr erzeugt. Im übrigen unterscheiden Sie nicht scharf genug zwischen Leiden und Erleiden. Wenn man eine Idee Dämon in sich werden läßt, der von Konsequenz zu Konsequenz treibt, erleidet man, und dieses Wort ist nur eine vom Beobachter ausgesprochne Wertung; macht man den Versuch, Widerstand zu leisten, so leidet man, und das ist bereits ein subjektives Gefühl oder ein objektiver Zustand. Man leidet, weil man nicht radikal Widerstand leistet; radikaler Widerstand heißt Souveränität; sie besteht darin, den Widerstand mühelos sowohl ein- als ausschalten zu können. Deutsche Bücher sind schwächlich, weil sie, wie ein französischer Dramatiker auf die große Szene, auf den Augenblick zueilen, wo der Held endlich seine endgültige Weltanschauung erreicht haben wird, meist die der Harmonie, unter Leugnung und Vergessen der vorher erlebten Verneinungen. Es sind Bücher ohne Aufhebung.“

„Das Kaffeehaus wird zum Anschauungsunterricht,“ sagte Siriwan und wies auf die Nische, „der perfekte Harmonist sitzt neben uns, Nachtwächter der Ethik an einem Tagblatt, Umwechsler des geistigen Pfunds in Leserkurant, Abteilungschef für Literatur im Warenhaus zur öffentlichen Meinung, kurz ein Feuilletonredakteur, von allen Soldstellen des Kapitalismus die anrüchigste, weil ihm freie Meinung gelassen wird, vorausgesetzt daß Abonnent sich nicht beklagt. Schrieb er nicht heute im Abendblatt vom Glück bei Gelegenheit irgendeines Franzosen, der die Freuden der Familie empfiehlt, weil sie die vollkommenste Kombination von Sorge für sich und Sorge für andre ist? Da haben Sie einen Deuter Ihres Glücksbegriffs.“

„Einen bürgerlichen,“ antwortete Lauda. „Ich verstehe unter Glück die Energie, nicht im Zustand des Erleidens zu beharren, stärker zu sein als Vorgänge in uns. Das ist eine dynamische Angelegenheit, was hat sie mit dem Glauben an die moralische Weltordnung zu tun? Nichts, es sei denn, daß sie versteht, wie Menschen dazu kommen, einen Gott zu erfinden.“

„Verstehn ist Abschwächung des Urteilens. Sie billigen mein Urteil über den Redakteur nicht?“

„Ich müßte erst die Not kennen, die Sie dazu führt, einen Mensch radikal zu verwerfen, radikal böswilligen Dummkopf zu nennen. Ich kenne von Ihnen nur Urteile, die absolut verwerfen — ich müßte fühlen, durch welche innre Katastrophe oder Neulagrung Sie in den Gegensatz zur Welt geraten sind; ich müßte Atmosphäre um Sie spüren. Sie werden antworten, daß Ihnen alles Tun, Wollen, Sichregen der Menschen eine Verirrung ist, daß sie sich spreizen und blähn. Aber dann wäre die Konsequenz unerläßlich: daß Sie unter diesem Zustand des Menschen leiden, sich nicht ausschließen. Das Recht auf Urteil wird durch Miterleiden erkauft, durch Aktivität. Urteil und nur Urteil ist rein passiv. Urteil, das nicht aus der Wärme des eignen rotierenden Organismus kommt, ist kalt, Urteil, das diese Wärme in sich trägt, ist entweder Haß oder Liebe oder, wenn es das Hoffnungslose feststellt, Trauer. Ich kann nur sinnliche Urteile gelten lassen, alle andren gehn der wichtigsten Frage: Und du selbst? aus dem Weg.“

Am nächsten Morgen gelang es Lauda, Puck zu sprechen; er wurde gebeten, sich danach bei der Assistentin des Psychiaters, selbst Ärztin, zu melden. Puck, lustiger Gnom, saß auf einem Stein und suchte einem frei umhergehenden Melancholiker zu erklären, daß inzwischen draußen der Weltkrieg ausgebrochen war.

„Was ich auch an Zahlen ersinne,“ sagte er, „um auf die Depression dieses Alten die letzte Last zu legen, es bleibt Wirklichkeit; der zwanzig Millionen Streiter müde, suchte ich ihn zu überzeugen, daß die sämtlichen Kriegsschulden abgetragen werden können, wenn die Steuer auf Liebesfreuden eingeführt wird: fünf Pfennig, Rappen, Heller pro Umarmung, der Kavalier zahlt willig, Damen bleiben steuerfrei. Ich war gerade dabei, auszurechnen, wieviel eine Stadt wie Zürich in einem Tag einbrächte, was meinen Sie? Auch die Vermutung über die einträglichsten Stunden ist ergötzlich.

Der Sprung durch die Fensterscheibe? Mein Lieber, ich sah ja, daß sie hochgezogen war. Allerdings, die Stimmung war ernst, ich kann nicht mehr Lilian zu Willen sein. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen. Es war einmal ein armer Junge, der gern mit seinem Wissen prahlte, aber von freiwilliger, geheimer Zärtlichkeit der Frauen wenig wußte. Niemand starrte ungläubiger als er, als Blancheflor an einem Sommerabend die Gewänder löste und ihn an sich zog. Es werden wohl auf den weißen Altar, der aus dem dämmernden Zimmer leuchtete, Tränen getropft sein. Er glaubte, nun sei die Hemmung, die vor die Entrückung gelegt ist und die er so gefürchtet hatte, ausgelöst, warum hätte sie sonst sich ihm angeboten? Da erwies es sich, daß er die größte und unerwartete noch zu besiegen hatte. Keine Liebkosung, kein Gespräch über das, was ihn Liebe suchen ließ, kein Lachen und keine Güte konnte ihr die Erregung des Eros geben; statt geborgen zu sein, stieß er auf eine Aufgabe, die ihn abscheulich dünkte — durch Brutalität, Bisse, Schmerzzufügen ihr zur Lustvorstellung des männlichen Tiers zu verhelfen. Sie lag, die Härte erwartend, den Rücken zugekehrt, was er zuerst für eine Geste der Laszivität hielt, und gebot ihm ungeduldig, weh zu tun.