„Erziehung ist viel,“ sagte Lauda, „sie ist sogar alles, vorausgesetzt, daß man sie weit genug nimmt. Wir betreten ein Gebiet, wo äußerste Differenzierung der Behauptungen nötig wird. Zunächst ist zu sagen, daß der Mensch nicht gut ist, sondern gut werden kann, in dem Sinn, daß das Regulativ des Guten sich in ihn wie eine Achse senken läßt, um die sein Kosmos rotieren soll. Gut sein ist eine Korrektur des natürlichen Egoismus, wird nie mehr sein, es ist eine Idee über der Wirklichkeit, nicht Wirklichkeit selbst. Ferner ist zu sagen, daß keine Erziehung das Verbrechen ganz aus der Welt schaffen wird, denn das Verbrechen ist nur vom Standpunkt der Gesellschaft und des Brudergedankens aus verwerflich; neben dem Bruder wird es immer das Ego geben, und hier ist Verbrechen eine Manifestation der primären Energie des Ego, es ist eine ganz tiefe und so reale Erscheinung, daß man es metaphysisch nennen kann, es ist unmittelbare Aktivität, Widerstand des Ego gegen Gesellschaft und Bruderidee, es ist das Leben selbst; würde die Gesellschaft je ganz licht organisiert und Armut ausgeschaltet, das Verbrechen würde als Reaktion gegen die Sanftmut und Banalität dieser Ordnung auftreten, denn Verbrechen ist Aufhebung der Idee der Ordnung, wie diese ihrerseits Aufhebung der Idee der egoistischen Einzelerscheinung.“

„Worte,“ sagte Schreiner.

„Nein, Metaphysik.“

„Erbärmliche Worte, weil ich nach der Konsequenz fragen muß, die Sie aus dieser Anerkennung des Verbrechens ziehn. Sie reden wie ein Ästhet, der die sogenannte Schönheit und Wildheit des sich zerfleischenden Lebens nicht missen will; es soll alles bleiben wie es ist, denn das soziale Elend erzeugt eine Differenzierung und eine Zerlegung des Daseins in Milieus, die ihm wohlgefällig sind, weil er Romanstoffe daraus gewinnen kann.“

„Mögen Sie das dem Ästheten sagen, nicht mir,“ antwortete Lauda. „Richtig ist, daß es auf die Konsequenz ankommt, die man zieht. Die meine heißt, daß die Einsicht in den ewigen, elementaren Charakter des Verbrechens der Idee der Güte ihre Größe und ihre idealistische, das heißt relative Eigenschaft gibt. Güte ist Setzung, nicht Wahrheit, souveräne Leistung, nicht Gehorsam. Ohne das Hintergrundsgefühl ihrer Künstlichkeit ist sie sentimental — der moralische Optimismus der deutschen Pädagogen ist sentimental, weil er bekehren und zum Guten zurückführen will, während es gar keinen Punkt gibt, wo das Gute tatsächlich existiert. Rousseau suchte diesen Punkt und fand ihn in der paradiesischen Vergangenheit; auch Sie sind rousseauisch und darum bolschewistisch, denn bolschewistisch sein heißt, durch Zwang zum Normalguten zurückführen wollen.“

„Leugnen Sie,“ fragte Schreiner, „daß durch Verpflanzung in günstiges Erdreich verkümmerte Arbeiterkinder zu Menschen werden können?“

„Niemand leugnet es, obwohl ich jede Präzision dessen vermisse, was Sie in diesem Satz unter Menschen verstehn. Leute, die freier von Neid, Haß, Bitterkeit, reicher an Würde, Selbstbewußtsein, Unbefangenheit sind? Ohne weiteres zugegeben. Aber Ihre Meinung scheint zu sein, daß solche entlasteten Kinder auch besser, gütiger hilfsbereiter sein müssen. Es wäre ein Irrtum. In dem ungeduckten Mensch wird Energie frei, die er nicht mehr zur kümmerlichen Behauptung seiner Existenz braucht — er wird sie sofort seinem primären Egoismus zuführen, mehr Macht, Geld, Genuß erreichen wollen; das in günstige Verhältnisse gestellte Proletarierkind wird Unternehmer, Beamter, Offizier, so banal wie irgendein Bürger werden, wenn Sie nicht den Druck der Not, unter dem es stand, durch einen andren ersetzen, denn das tiefste Geheimnis des Menschen ist, daß sein Kosmos nur dann Dichtigkeit besitzt und rotiert, wenn er unter einem atmosphärischen Druck gehalten wird. Statt daß das Proletarierkind durch die bloße Befreiung gut werde, wird es entfesselt werden, es sei denn, daß Sie ihm das Regulativ einer Idee setzen: das ist der Sinn der Erziehung, und dieses Regulativ ist jener Druck — das heißt, genügt nicht, den Menschen zu befreien, es ist erforderlich, ihn danach zu leiten. Energie braucht Form; befreite Energie zerstört die Form. Druck durch Not, eine ausnutzende Kaste, irgendwelche andre materielle Faktoren: das ist niederträchtig; Druck durch eine Idee, ein Erziehungsideal: das ist notwendig.

Deshalb halte ich nicht viel von dem Angebot des Sozialismus, Ersatz für Religion zu sein. Er meint, es genüge, die materiellen Bedingungen des Arbeiters zu ändern, um bereits den bessren Mensch zu erhalten; er ist ganz optimistisch, es fehlt ihm jener Einschlag von Pessimismus, der weiß, daß der Mensch Bindung, Gebot, übergeordnete Ziele braucht — die Herrenkasten, die Konservativen wissen es, auch die Kirche, die darum so gern das Bündnis mit den Regierenden eingeht. Sozialismus ohne eine pessimistisch abgeleitete, optimistisch orientierte Erziehungsarbeit, mit andren Worten Sozialismus ohne das Verhältnis zu Ja und Nein, wird sich als kraftlos erweisen, wenn je der Augenblick kommt, wo er die Macht erhält.“

Aber hier begann erst das Problem, das ihn interessierte: war Naturelländrung durch Einwirkung möglich? Das Proletarierkind, um bei diesem Beispiel zu bleiben, brachte, Befreiung vollzogen, doch sein Naturell mit, das in einem bestimmten Verhältnis zwischen freier und gebundner Energie bestand — es hatte Eigenschaften, die Zellen waren von den Eltern, der Vorgeburt her, imprägniert. Konnte ein Unzuverlässiger zuverlässig, Jähzorniger beherrscht, Eitler sachlich, Zögernder und Unschlagfertiger rasch und bestimmt werden? Hier, in der mitbekommnen Form des Ich, lag die zweite Wurzel des freien Willens und war nur die angewandte Form der ersten, daher man auch fragen konnte: ist Lockrung der Form des Ego, Ändrung des Verhältnisses von freier und gebundner Energie, Verstärkung des Quantums an freier, also Verwendung der Reserven, möglich?

Antwort lautete: unaufhörliche Schläge lösen das festeste Gefüge, sei es, daß der Wille zur Lösung von dem an seinem Naturell leidenden Individuum selbst oder von Erziehern ausging. Lauda erinnerte sich seines Vaters. Dieser war ein weicher, impulsiver, schwankender, ruheloser, unbefriedigter Mensch gewesen, der eines Tags freiwillig schied, als der Ausweg verstellt war, eine zu spät überlegte Handlung Konsequenzen zeigte, wie ein Gläubiger den Schuldschein präsentiert. Er war im Kampf des Willens gegen das Naturell unterlegen, aber er hatte dessen Gefüge so gelockert, daß der Keim des Sohns von diesem Willen neue Richtung, den mystisch elektroiden Stoß erhalten hatte. Was er selbst nicht erreichte, erreichte er generativ: der Nachkomme, gezeugt in einem Augenblick von Energieanstrengung, die für den Vater ein Maximum und doch nicht genügend war, vollzog die Mutation durch einen verhältnismäßig leichten und in frühe Jahre fallenden Kampf — Erinnrung Laudas an Selbstbehauptungskrisen um das zwanzigste Jahr.