Suchend den Mensch, begann er, im ersten Schimmer die Frage zu sehen, die wie ein verhülltes Bild dort stand, wo der Weg der letzten Erkenntnis sich verlor, scheu gemieden, immer umkreist — die Frage nach der Freiheit des Willens.

Wer tätig war, wer an Einwirkung glaubte, wer irgendwie Erzieher sein wollte, mußte die Mutationsfähigkeit des menschlichen Kosmos bejahn. Es stand ihr gegenüber die reine Anschauung, die keine Wertung, nur Abrollen der Dinge kennt.

Glaube an die Mutationsfähigkeit war Widerstand des Optimistischen gegen den religiösen Pessimismus, der Tat verwarf, wie er den Eintritt des Willens in Existenz verwarf, weil Teilung der Totalität Untreue der Totalität gegen sich selbst war. Das von der Totalität hinausgeschleuderte Geschöpf trug ihre Energie in sich, verwandte sie dazu, in der Existenz seßhaft zu werden — aber die Energie drängte zur Totalität zurück, erreichte sie durch den Tod. Konnte nun das Geschöpf einen Teil der Energie dazu benutzen, um sich ihrem eignen Ablauf entgegenzustellen, wie man vom hochgespannten Strom einen Teil für den Hausgebrauch ableitet? Ohne Zweifel, die Tatsache des Widerstands stand fest, Zeitlichkeit, das heißt Tat, verhielt sich zum Elementaren wie Hausstrom zur Hochspannung. Das war die eine Wurzel des freien Willens.

Der Mensch richtete sich in der Existenz ein, als sei er nicht sterblich, schuf die eigne Domäne und erfand Regulative, die nichts waren als Hemmung des Triebs, sich und nur sich zu manifestieren, den man Egoismus nannte. Die geteilten Existenzen, von Natur aus Todfeinde, einander zur Nahrung brauchend, erkannten das Recht des Bruders an — freier Wille war Spaltung des Willens, Aufruhr des Gezeugten gegen den Vater, ein Widerstandsphänomen.

Barbaras Umgang mit den Patienten beobachtend, fragte er: „Woher nehmen Sie diesen positiven Glauben an die Mutationsfähigkeit des Organismus, aus der Wissenschaft oder Ihrem Naturell?“

Sie verstand die Problemstellung nicht, er erläuterte: „Soweit die Medizin Wissenschaft ist, arbeitet sie mit materialistischen, das heißt passivistischen Auffassungen. Der Organismus ist das Gegebne, ein Gegenstand mechanischer, chemischer, physikalischer Einwirkung, nicht aber seelischer, über die nichts ausgesagt wird, weil der Begriff Seele nicht objektiv erfaßbar ist. Der Wille entzieht sich dem Mikroskop, also geht man ihm aus dem Weg. Haben Sie schon einen Wissenschaftler gesehn, der den Mut hätte, etwas über die Freiheit des Willens zu sagen, es sei denn, daß er zu den Psychoanalytikern gehörte? Deren große Leistung ist dieser Mut, Angriff auf die Materie von der vitalen, lebenden Seite her und Glaube an Mutationsfähigkeit — sie dringen von dem, was nur Manifestation des Willens ist, dem Körper, zu dem vor, was primär ist, dem Willen. Die große Frage lautet: ist Wille, sobald er einmal eine körperliche Form gefunden hat, an ihre Struktur gebunden, oder kann er Einfluß auf sie gewinnen, das heißt sie und das heißt doch wieder sich selbst ändern? Sehn Sie die Tiefe des Problems?

Was ist ein schwächlicher Mensch, einer Ihrer Psychopathen? Zunächst Manifestation eines bestimmten Zustands der vitalen Kraft, der zwar auf erblichem, historischem Wege bedingt worden ist, uns aber durch und durch bestimmt. Können diese Bedingungen geändert werden? Wie kann ein solcher schwächlicher Wille dazu gebracht werden, von sich selbst frei zu werden? Das ist nur denkbar, wenn man ein rein philosophisches Glied einfügt: daß in allen Existenzen, mindestens derselben Gattung, der gleiche Grad von Energie gebunden sei und daß diese Bindung sich irgendwie wieder lockern lasse. Wodurch? Gewiß nicht durch den freien moralischen Willen, den die Dualisten annehmen, sondern eben durch Lockrung, mit andren Worten durch zähe, langsame Einwirkung, Erziehung, Absolvierung unendlicher Stadien und Zwischenglieder.

Grundsätzlich sind ein plumper Realist und ein differenzierter Ideenmensch durch nichts getrennt als durch verdickte Ebnen, die aufgelockert werden können; Genie und Durchschnittsmensch durch noch nicht überschrittne Zwischenglieder. Es eröffnet sich eine wunderbare und ungeheure Demokratie der Existenzen, und sie ist, nebenbei, die metaphysische Begründung der politischen Demokratie.

Aber kehren wir zu dem Schwächlichen, am Willen Krankenden zurück. Wissen Sie in Ihrer Gesundheit, wie dumpf, matt, stündlich aussetzend das Hirn eines blutarmen Menschen funktioniert? Was werden Sie als Ärztin tun? Die Blutarmut durch Ernährung und andre Einflüsse beheben wollen. Gut, aber da Sie Frau sind, vital und praktisch, tun Sie noch mehr, als die Wissenschaft Sie lehrt, Sie suchen auf die Energie selbst zu wirken, das heißt, Sie üben aus, was ich theoretisch errechnete, die Gleichheit des Energiequantums in allen Menschen; Sie glauben instinktiv an die Mutationsfähigkeit, Sie arbeiten mit einem unwissenschaftlichen Prinzip, dem Willen, der in das Gebiet der Metaphysik gehört, und — berichtigen die Wissenschaft.“

Danach machte er die alte Erfahrung, daß Einstellung auf einen Gedanken genügte, um ihn auch bei allen andren, in jeder Stunde des Tags, zu finden. Es war Schreiner, mit dem er die nächste Diskussion hatte. Schreiner schrieb alles Elend, Verbrechen, geistige Dumpfheit den Verhältnissen zu — ändert die Verhältnisse und es wird kein Verbrechen mehr geben, der Mensch ist von Natur aus gut; belehrt ihn, er wird gütig sein; versetzt eine Schar Proletarierkinder in lichte, warme Sphären, und ich mache mich anheischig, so tüchtige, talentierte, geniale Menschen aus ihnen zu machen, wie das wohlhabende, studierende, herrschende Bürgertum sie stellt; Erziehung ist alles.“