Lauda beobachtete, daß es ihr dann nicht darauf ankam, die bei jenen erprobte Macht bei diesem bewußt zu versuchen, indem sie sie in weibliche Reizung verwandelte, Wünsche erregte, Wunsch erlaubte. Auf die stumme Frage des Zeugen gab sie gleichsam die Antwort: was macht es, daß einer mich nachts in seine Träume zieht?

War das königlich, oder mütterliche Klugheit, die um den erotischen Untergrund aller Wirkung wußte, oder ein hetärischer Anflug? Was war prachtvoll an ihr? Daß sie alles Komplizierte und Getrennte mit optimistischer Energie hinwegschob — aber um diese Geste war ein Schleier zu wenig. Ihre beste Zeit, dachte er, wird sein, wenn sie in reifem Alter steht, noch immer eine schöne große Frau, die erlauben wird, gewisse Dinge sehr deutlich zu benennen, nicht prüde, erfahren, unverwüstlich an Spannkraft, von jener Klugheit des Nahen, die Beschränktheit des Fernen ist, und Derbheit durch Würde gebunden. Gegenwärtig ist sie eine Frau, die noch nicht selbst erlebt hat, erregte Wünsche noch nicht erfüllt.

Konnte sie sie erfüllen? Ihm nicht, dem sie zu der erstaunten Feststellung verhalf, daß sie, Gefäß des drängenden Bluts, ihn nicht in Versuchung führte. Sah er sie an, wünschte er seiner nächsten Geliebten ihre Gestalt, die Erfüllung der Sehnsucht war, im Körper der Frau das Symbol des Kosmos zu umfangen, der mühlos rotiert, denn alles ist fest, reich an Energie, voll Spannung, nicht nur eben lebensfähig, Nerven gebettet in Fülle — und blieb doch kalt bei so viel Wärme, weil sie den dunklen süßen Schmerz nicht gab, Hauch der Bitterkeit nicht kam; zu positive Frau.

Und da er Zeuge des fast knabenhaften Idylls wurde, in das sich Hans mit der heimlich getroffnen Schwester spann, verzückt vom Glück des kleinen straffen Puppenleibs, dem innigen Dunkel lächelnd hingegebner Augen sprechend, ward das Bedauern, nicht selbst die volle Summe notwendiger Bedingungen erfüllt zu sehn, zur Trauer, daß es ihm versagt sein werde, sie je erfüllt zu sehn. Ein neuer Typus ersehnter Frau ergriff von ihm Besitz, der königlicher, üppiger als der frühere war — gesunder Körper, der machtvoll in sich ruhte, sieghaft, stark.

Vorstellung war es, die parallel auf der ganzen Linie vorrückte. Tag brachte Geschäftigkeit in Fülle, Wirken durch Wort, Einsatz von Mut, der die Folgen des Bekennens nicht mehr scheute, Umgang mit Menschen. Nachtstunden waren der eignen Arbeit zugewandt — Energie wuchs aus Energie, er sah sich ganz versetzt in die Arena der Tat, und die Zeit, da er bei allem die Frage nach dem Wert des positiven Treibens aufgeworfen hatte, lag fern zurück, entglitt; er fühlte wohl, daß er ein Seil verlor, an dem sich entlang zu tasten gut gewesen war, aber er konnte es nicht halten, neue Jugend war stärker als vergangnes Alter. Es zog ihn zu den Menschen, über deren Ohnmacht, Egoismus, Sentimentalität, sich eingeschlossen, er keine Illusionen hatte. Gleichwohl, ein Rest blieb, der durch Scheidewasser nicht aufzulösen war, ein radiumhafter, unerschöpfliche Potenzen schleudernder Kern, mystisch und zäh, und war wohl die vitale Energie an sich, das sieghafte Ja, das triumphierte, sobald man nicht die letzte Konsequenz des Nein zog, die Selbstaustilgung.

Und dieser Kern war mit einer bestimmten Eigenschaft positiv geladen, die zu benennen es ihn nun drängte: mit einer seltsam süßen Zärtlichkeit. Bei Barbara stellte er negativ fest, daß diese Eigenschaft irgendwie existieren müsse. Eines Abends ging er durch die Bahnhofstraße, sah vor einem Kürschnergeschäft eine Frau stehn, auch sie königlich, ganz in Biber gehüllt. Er fühlte den elektrischen Schlag, trat neben sie, es war Elena. Abermals Bedauern in ihm und in unmittelbarer Reaktion Erkenntnis jener Eigenschaft, nach der er sich sehnte: die Vitalität durfte nicht zu direkt ausströmen, mußte einen Widerstand passieren, der die Scham der Frau gebar, die in sich lauschende Innigkeit.

Nicht zu positiv sein, nicht als Frau herausfordernd zur Schau tragen, daß in ihrem Schoß die Quellen springen, es in Geheimnis hüllen, das nur ein andres Wort für Demut ist — Demut enthielt noch immer den Bestandteil Mut; aber Elena hatte nur den Mut, nicht die Wärme des Bergens. Schauend in die Auslage, wo kostbarer Pelz ausgebreitet lag, hatte er die Vision einer Frau, von der dieses Rauchwerk fallen könnte: sie stand gleichwohl in Wärme, Wärme war Ausstrahlung des in sich geschlossnen Kosmos, dessen Wesen ist: Hüten, Hegen.

Jene Eigenschaft des vitalen Kerns war also, um in seiner Sprache zu reden, nicht primäre Eigenschaft, erst sekundäre, erworbne, Produkt eines Widerstands gegen das Elementare, und es fiel ihm ein, daß er schon einmal Güte und Liebe als Widerstandsphänomen empfunden hatte. Widerstand wessen? Des vom Primären erzeugten Geschöpfs, das nun selbständig geworden ist, dem Elementaren nicht mehr willenlos untertan sein wird. Hier war die Geburt der Menschlichkeit.

Elena war ihm nie Geliebte gewesen: Brudergefühl, das er, Geistiger, ihr, der Hetäre, gab, war wie eine Kameradschaft, heterogen und parallel — nun geschah es, daß er auf dem Umweg über das luxushafte Restaurant mit ihr nach Hause fuhr; aber zum erstenmal Gast in ihrem üppigen Gemach, der stolz selbstbewußten Verwertung ihr verliehner Reize, wußte er, daß er es nicht mehr betreten werde, sehnsüchtig nach leisrer Weiblichkeit. Und Claire, fragte es in ihm, ist sie nicht von dieser Art? Auf der innren Szene stand die Ferne, Halbvergessne, alles Licht auf ihr vereint, und siedend stieg das Gewissen auf. Aber welchen Wert hätte es gehabt, zu leugnen, daß Gewissen nur Macht über ihn hatte, wenn die Zeit gekommen war, daß er selbst, aus sich, auf den Mensch neben ihm stieß?

Im Anfang hatte er nicht geschrieben, weil Sinn der Trennung war, jeden sich selbst zu überlassen, abzuwarten, unter welchen Umständen er sich dem andren wieder zuwenden werde; danach nicht, weil schriftlicher Verkehr ihm gesperrt war. Er wußte nur, daß Claire Brüssel verlassen hatte, als er nicht zurückkehrte, und in Berlin lebte. Er schrieb ihr, Graumann erbot sich, den Brief auf geheimem Weg, der der direkteste des Botschaftskuriers war, zu besorgen.