Ruhiger geworden, sprach er mit Hans von dem leisen Grauen, dem Widerwillen im Hintergrund, die er empfand, wenn wieder die Bekanntschaft eines Menschen durchlaufen war. Zuerst, war er noch neu, sah man das Tüchtige in ihm, seine Energie, das, um was er kämpfte, die durchdachten Ideen; dann, schattenhaft, verschob sich das Bild, es traten hervor die Banalität, die fixe Idee, die Grenzen, die Enge; zuletzt wies er die Zähne des Egoismus, verteidigte den Käfig, in dem er saß und den er nannte Leuchtturm der Wahrheit.

„Was schwerer wiegt,“ sagte er, „und was zu lähmen droht, ist der Widerstreit in mir, wie ich solchen Menschen, jeden, werten soll. Wertung ist nicht nur Anmaßung, sie ist auch durchaus willkürlich, denn wir tragen keine andre Norm in uns als selbstfestgesetzte, eine von vielen. Wonach aber setzen wir fest? Nach Interesse, nach einem politischen oder gesellschaftlichen Standpunkt, von dem ich wenigstens weiß, wie relativ er ist. Was habe ich ausgesagt, wenn ich Justus einen Dummkopf nenne — gestern hatte ich Respekt vor ihm, morgen werde ich mit ihm zusammenarbeiten. Klarheit ist nur, wenn ich jemand liebe oder hasse, Urteil ausscheide oder einschalte. Alle scharfen Urteile sind diesseitig; in der Welt, in der jede Existenz von der andren getrennt ist, kann es nur Urteile des Hasses, des Gegensatzes, der Trennung geben. Aber in sie spielen fortwährend die Urteile des Absoluten hinein, die skeptisch gegen Benennung sind, weil sie religiös sind, die Getrennten vereinen und, nun nicht mehr pessimistisch, Nachsicht, Milde, Duldung gebieten. Nicht darum zuletzt ist die Sphäre der Realität die der Qual, des Hin- und Hergezerrtseins — man könnte, man sollte ein neues Lehrfach der Erziehung finden: Unterweisung in Grundtatsachen der Existenz; Zwiespalt, Unversöhnlichkeit der Prinzipien würden gelehrt, Ableitung daraus einer großen Klarheit, einer Kenntnis der Maschinerie in uns, einmündend in die Nachsicht mit ihrer Ohnmacht und das Suchen nach Überwindung der Ohnmacht — erkannte Gesetze werden Schalter mit spielenden Gelenken. Der Mensch hat noch nicht denken gelernt, weilt noch im Stadium des geistigen Manchestertums, wo die Welt der Empfindungen ein Haufe durcheinander kriechender Schlangen ist.“

Sie saßen am Kai, Wellen des Sees schlugen nach den Bänken. Barbara ging mit einem Mädchen vorüber, grüßte. Lauda stand auf, Barbara sagte:

„Wir wollen segeln, meine Schwester und ich, wir haben Platz, schließen Sie sich an?“

„Darf ich meinen Freund mitnehmen?“ fragte er, wandte sich nach Hans um und sah ihn verzückt das Mädchen anstarren.

Barbara richtete die Segel selbst, die Kleine ließ sich schelten, weil sie Handreichung verschmähte, lächelte nur aus so dunklen Augen, daß die Pupille nicht sichtbar war. Andres Temperament, innigeres, derb schaltende Herzlichkeit Barbaras gedämpft durch Süße.

„Wenn ich hätte tun können, was Gefühl mich hieß,“ sagte Hans nachher, „würde ich wie mit einer kleinen Insulanerin ein zärtlich-lehrhaftes Gespräch über mein Entzücken auf den ersten Blick und seine Gesetze, die Gesetze in ihr selbst, begonnen haben. Denn es gibt Gesetze unsres Naturells und wir müssen ihnen nur gehorsam sein, um ohne Vorbehalt und Lüge zu lieben. Fast immer entschließen wir uns unter Vorbehalt und Lüge zur Werbung: Zufall führt mit einer Frau zusammen, die uns fast ganz, aber doch nicht ganz gefällt, Gelegenheit ist günstig, man ist des Suchens müde, und das übrige tut die Frau, sie fühlt, daß wir zur Anpassung bereit sind und holt sich, was sie haben will.

Ich, der kleine feste Körper ohne differenzierte Nerven anbetet und auf die Entdeckung der heimlichen Fülle um der sichtbaren willen verzichtet, bin immer von Schlanken, Nervösen erobert worden, selbst zu underb und hilflos, um zu widerstehn. Das war die Untreue gegen das erste Gesetz, das mich kräftigere Körper, als meiner ist, lieben heißt. Das zweite hebt die Gegensätzlichkeit wieder auf und verlangt, daß ganz zarte, heimliche Wärme in ihnen ist, ohne Dämonie oder kaporalhaftes Temperament. Wie ein kleines warmes Tier schaute sie aus Mantel und Muff heraus; die Eigenwärme des Geschöpfs ist das Herrlichste.“

V

Wie Puck es gesagt hatte, in den Augen Barbaras war ein schlaues und lustiges Bewußtsein von Energie. Sie konnte nicht untätig sein, und sie ertrug es nicht, wenn ihre Patienten untätig der Mattheit in sich selbst zuschauten. Indem sie bei denen, die Kranke des Willens waren, das Gefühl, dem Leben nicht gewachsen zu sein, nicht duldete, hatte sie große Erfolge, heilte durch persönliche Kraft, selbst Heilfaktor; es geschah aber bisweilen, daß einer unbesiegbar sich vor ihr verschloß, ihrer zu deutlichen Gesundheit die Verachtung des Differenzierten entgegensetzte.