Lauda ging aufs Konsulat, erreichte, daß in Berlin Straflosigkeit zugesagt wurde, eröffnete Rudolfi, daß er heimkehren könne. Weinender umarmte ihn, fuhr an die Grenze, um sühnend im vordersten Graben zu sterben.
Lauda hatte nicht mit dem Widerspruch der politischen Freunde gerechnet, seine Stellung wurde so erschüttert, daß nur der Fahndungsbrief, den das Generalkommando gegen ihn erließ, ihrem Argwohn ein Ziel setzte.
Heftigste Vorwürfe hatte Justus erhoben, Mitglied des Redaktionskomitees, Veteran des demokratischen Gedankens. Die meisten waren erst im Krieg zu Bekennern geworden, er seit 1885, Jahr, in dem er das Deutschland Bismarcks verlassen hatte. Er war in Paris mit den Politikern des Republikanismus verwachsen und Zeuge gewesen, wie schwer, langsam, zuerst nur äußerlich, der Gedanke von 1870 sich durchgesetzt hatte: Erschüttrungen und Rückschläge kamen, bis er zu den letzten Wurzeln der nationalen Existenz vordrang, Macht auf die Erziehung der Jugend, Heer, Kirche gewann.
Die Überwindung der Tradition, in Fleisch und Blut nistender, die Ausscheidung noch immer kreisender Säfte, die innerste Umschichtung, die Entstehung einer neuen Vitalität, die letzte große Krise des Dreyfusprozesses, das Schritt für Schritt, die Energie, ein Ideal der Zukunft sichtbar und sieghaft zu machen, das war Justus die Größe der Männer von 1890, und er hatte bewundernd die Geschichte der bürgerlichen Führer geschrieben, die ein größres Werk als die Sozialisten vollbrachten die theoretische Fordrung gänzlich andrer Grundlagen schien ihm banal, der zähe Kampf mit realen Interessen, die Mutation der Realität war Leistung. Und Lauda verdankte ihm Einsicht, was es heißen wollte, in den lebenden Kosmos eines Volks einzugreifen und Mutation zu erzeugen. Es war die Zeit, da in Deutschland die Parole der Neuorientierung ausgegeben wurde, demokratische Vertreter Anteil verlangten, fühlend die Katastrophe.
„Machen Sie sich keine Illusion über die Ohnmacht dieser Ansprüche,“ sagte Justus, „das ist, als hätten vor 1870 die französischen Demokraten die Republik im Bund mit Napoleon dem Dritten einrichten wollen. Frankreich hatte ein Jahrhundert republikanischer Tradition, es hatte Temperamente und Charaktere ohne Zahl hervorgebracht, und doch bedurfte es einer von uns nicht gekannten und nicht begriffnen Größe der Anstrengung, um die Idee zu sichern. Der Deutsche versagt vor der Schwierigkeit dieser Fordrung, er ahnt die Problemstellung nicht einmal, ist ohne Sinn für die Noblesse derer, die, was sie tun, ganz tun, die Lösung einer Aufgabe nicht den Beamteten überlassen, sie wie eine Leidenschaft bis zum Ende erleben und nicht auf halbem Weg zur bequemen Hausfrau zurückkehren. Dieser Mangel an radikalem Anstand ist von allen Lastern das deutschste und für mich das verächtlichste — was hilft die innre Freiheit, die gefunden zu haben, Deutsche sich rühmen, sie ist nur Feigheit und Flucht vor Realität.“
Bei Ausbruch des Kriegs erlangte er Erlaubnis, zu bleiben, wurde im zweiten Jahr vom schützenden Minister gebeten, ihn der Aufgabe zu entbinden, ging nach der Schweiz, mittellos, Opfer des Sequester. Er ernährte sich von Unterricht, Zeitung, Arbeit der zu schneidern beginnenden Töchter und Sparsamkeit der Frau, kleinbürgerlicher Französin — Demokratie ward Märtyrertum, fanatisch getragnes; Züge des Alternden wurden scharf; bitter und tröstend die Stimmung eines verspäteten Achtundvierzig.
Lauda war bei ihm zu Gast, sah, in wie engem Bezirk ein Mensch leben kann, Grenzen des Käfigs waren die der Welt. Es durchwanderte der Alte diesen Bezirk unermüdlich, hatte Wege angelegt, alles eingeteilt: wer nicht böswillig war, brauchte sie nur zu begehn und schaute die in Demokratie geordnete Welt. Sie war die Wahrheit, es gab keine andre; noch größer als Erregung über Nichtbereitschaft der Geister war Staunen — darüber grübelnd, fand er neuen Beweis, fügte ihn ein, nun war die logische Kette geschlossen. So war einer Freidenker — er selbst war Freidenker, Priester hieß Pfaffe, König Tyrann. Justus gestand, einst Romane und Verse geschrieben zu haben, Thema des Romans: Kampf gegen Vorurteile, Verse: Epigramme, darin einer die Welt am gesunden Verstand maß. Die Welt hatte sie nicht gelesen, ihr Schade.
Lauda, dem er der rationalistische Mensch schlechthin war, reines Extrem, klar zu überschaun, folgte der Einladung, wiederzukommen, begegnete plötzlicher Herzlichkeit und dem Geständnis eines entbehrten Ideals: Verkehr aufrechter Männer, zweimal in der Woche, Schachspiel zur Übung der Hirnkräfte und Kegeln zu der des Körpers; Gemütlichkeit bei Bier und einfachen Sitten. Er entwand sich höflich, Justus kam ihn mit seiner Familie besuchen, Prinzip der Gegenseitigkeit. Mensch, den er als Mensch gelten lassen wollte, ward lästig, zwang dazu, Beschränktheit lieblos zu benennen, Abstand mit allen Mitteln zu setzen, und aus einem Freund ward Feind, der ihn geheimen Anhänger des preußischen Systems nannte, weil er von dessen Philosophie sprach.
Es kam der Augenblick, wo Justus vor den Versammelten aufsprang, sagte: „Er ist nicht das, was uns nottut, Politiker, er ist der Geistigen einer, die alles verstehn, mit jedem Gedanken huren; sie werfen ihre Leidenschaft auf ein Objekt für drei Monate wie ein Schauspieler seine unehrliche Glut für drei Stunden in eine Rolle. Denkt er ans Volk? Er denkt an sich, er will nicht Zustände ändern, sondern Ideen klären“, und mit gerecktem Zeigefinger dastand, als fordre er das Volk auf, zu steinigen.
Lauda war versucht, für einen Augenblick hinauszugehn, nicht wiederzukehren — es hätte jener recht gehabt. Blick in das verzerrte Gesicht des Manns gab ihm das skrupellose Argument unbefriedigter Ehrgeiz, und er war gehorsam dem Gesetz der Realität, Angegriffner wehre dich. Danach ekelte ihn vor erlangter Kenntnis, was ein Tribun sei, Beredsamer in Geste der Treuherzigkeit.