Jeder Deutsche trug eine irrationale Philosophie in sich, war nicht praktisch wie Engländer, noch ironisch-doktrinär wie Franzose. Soweit überhaupt vitale Kraft in ihm war, leitete er, wie alle dem Religiösen Zugänglichen, der Idee des Staats Metaphysik zu. Gesellschaft ohne Achse der Rotation, ohne übergeordnetes Regulativ, war Sphäre des Chaos — der Organismus eines Volks mußte unter Druck gehalten werden, damit er sich ballte und einheitlich kreiste: solchen Druck ermöglichte die Idee des preußischen Systems, das seine Herkunft aus dem Protestantismus nicht leugnete. Und Protestantismus, so fest er in der Irdischkeit stand, den Mensch recht eigentlich auf seine Souveränität verwies, kam doch, da er Religion war, im letzten aus dem Pessimismus: es gab eine Verwandtschaft der preußischen Herrenkaste mit dem katholischen Priester, für den die Existenz das Reich der Sünde war, das Befehl und Gebot brauchte. Die Junker waren Menschenkenner: entfesselt das Individuum und es weigert Arbeit; unterstellt es der Idee des Gehorsams und es wird nutzbare Energie, sich und dem Ganzen Inhalt schaffend.
Vom Absoluten her war dieses System nicht materialistisch, es wurde es erst, weil es alle Kräfte dem Irdischen zuführte und die Verwalter zu Ausnutzern machte, während katholischer Priester Diener blieb und von ihm gepredigte Ordnung nicht in Marschleistung von Bataillonen umgesetzt wurde. Es geschah nicht ohne Grund, daß selbst die edler denkenden Geister in Deutschland am preußischen System festhielten, sie waren nicht alle, Fünfkorn und den Mittelmäßigen unter den Demokraten zufolge, verlogen und böswillig; ihr unverzeihlicher Fehler war, daß sie zur Idee zurückgriffen, wo sie die Tragik ihrer Überspannung sehn mußten. Schicksal von Ideen war romanhaft wie das von lebenden Menschen, man konnte vom Verfall eines Ideensystems wie von dem einer Familie reden und seinen Roman schreiben.
Klarblickender sah den Punkt, wo ein geistiges Prinzip religiöser Färbung durch zeitliche Entfernung von der religiösen Quelle ins Gegenteil umschlug, Hebel in der Hand der an die Spitze gesetzten Familien wurde — Dämonie auch das einer Idee, die Herrschaft gewonnen hat, statt reguliert zu werden. Axiom: Regulative bedürfen der Regulierung; Lehrsatz: sich zum Tun entschließen, heißt die radikale Energie regulieren, nicht zerstören, sondern beaufsichtigen, nicht hinnehmen, sondern selbst verwalten. In Rotation gesetzt, kreiste der deutsche Kosmos nun um die Idee der zentralisierten Monarchie, bis er zerschellte. Aufgabe war, unter den Denkenden solche zusammenzurufen, die durch Einfluß und Menge der Anhänger stark genug waren, eine Gegenbewegung oder Hemmung zu erzeugen; gelang das nicht, dann einige zu retten für den Augenblick der Katastrophe und die Zukunft.
Das war die Rechtfertigung seiner Opposition, daraus entsprang auch sein Wunsch, mit dem Jungen ein Experiment zu versuchen. Letzter Beweggrund war, wie bei allem, was Mensch tat, der eigne Gewinn, für sich wollte er die Fordrung, Mutation in das deutsche System zu bringen, sichtbar machen. Und da es klar war, daß Sprung in die Sphäre der Tat nichts bedeutete, als sich vom Egoismus der Anschauung den andren zuzuwenden, begann ihn das ihm selbst Unerwartetste und Fernste zu beschäftigen, die Möglichkeit, dereinst Erzieher zu werden. Bejahte man die Tat und stellte Regulative der Ordnung auf, erhielt der Ablauf des menschlichen Geschehns einen selbst gesetzten Sinn, dann war die vornehmste dieser Illusionen die Pädagogik, Vermittlung der Energie an die Nachwachsenden.
Wie mit einer Frau, die zum steilen Flug der Entrückung entfesselt wird, suchte er mit Rudolfi dem neuen Land der Ideen zuzueilen. Tempo der Flucht im Flugzeug war noch in dem Knaben; als er den Rhythmus seines eignen Bluts wiedergefunden hatte, kam die Hemmung. Eine geistige Bastion mit stürmender Hand nehmen, war nicht deutsch, an Stelle des strahlenden Siegs trat das schrittweise Ringen. Ungeduld Laudas, er bezwang sie, sich erinnernd, wie er selbst in diesem Alter gewesen war, von Erdbeben geschüttelt, wenn er sah, wie verschiedenartig Menschen dieselbe Sache betrachteten; aber es war der Loyolawille dagewesen, in Quadern zu bauen.
Rudolfi war schwerfällig, Namen der Mitarbeiter machten ihm Mühe; Vorstellung mit ihnen zu verbinden, größre; Ideen so klar wie Bildhaftes zu sehn, die größte. Lauda schlug den Umweg über die Anschaulichkeit ein, führte Rudolfi in Gesellschaft, so abendliche wie die der Straße. Dem Knaben fiel die besondre Art der Schweizer auf, sie schien ihm von bäurischer Gleichartigkeit zu sein, niemand trat aus der Masse hervor. Lauda half die Linien nachziehn: bestimmtes Bekenntnis zu einer Anschauungsform wie der des deutschen Beamten und Offiziers wurde hierzulande vermieden; man fühlte nicht unmittelbar, daß alle Kräfte eines Lands von einem Willen zusammengehalten wurden, sich um ihn lagerten, in jedem Augenblick des Privatlebens von ihm Bestimmung erhielten; das Bewußtsein großer Aufgaben, der Ausblick auf den Welthorizont des deutschen Lebens fehlte. Deutscher war straffer in Umrissen, großzügiger in Ideen, an ein anschauliches, repräsentatives Zurschautragen der das Volk durchsetzenden Energie gewohnt, in der Schweiz blieb alles anonym. Lauda sagte:
„Es ist zunächst der Unterschied der Größe zweier Länder. Das kleine war von je darauf bedacht, Existenz zu wahren; Ehrgeiz, wie ein Sonnensystem zu wachsen, benachbarte Zellen in seine Rotation zu ziehn, fehlt vollständig. Es wurden nicht ausgebildet Kräfte der Konzentration noch das gefährliche und, wenn es sich mit Klugheit verbindet, schöne Schauspiel der Vitalität. Daher das Gefühl, das man unter Schweizern immer hat, daß sie mißtrauisch und schwerstirnig, bäurisch wie Sie sagen, importierte Ideen der Fremden abweisen, froh sind, wenn sie unter sich bleiben können. Das Positive dieses Zustands ist schwerer zu erfassen, darum nicht weniger wertvoll: kein Hochmut der Kaste, keiner von Offizier Polizist Beamten, es ist menschlich, unter ihnen zu leben, Anonymität wird wohltätig.“
„Auf mich wirkt unser System stärker, seine Idee ist verständlicher, weil jeder Gebildete sie zur Schau trägt. Auch Sie verwerfen ja nicht, wie ich eigentlich gedacht hätte, den Willen eines Volks zur Expansion. Warum also billigen Sie den Deutschen nicht zu, was Franzosen und Engländern erlaubt ist?“
„Ich wäre gern national,“ antwortete Lauda, „weil ich alles liebe, was Kristallisationspunkt für Energie wird, abgegrenzte Wirkungsfelder schafft, Differenzierung in die Welt bringt. Ich kann nicht national sein, weil es mir verwehrt wird, man duldet nur hochfahrend ergebne Diener. Auch ist Expansion und Wachsen in Größe nicht dasselbe; jenes nur die brutale, materialistische, herrische Spielart. Bildung eines großen Kosmos darf nicht auf Kosten andrer Rotationssysteme erfolgen, die schon ihre endgültige Lagrung gefunden haben. Einbeziehung Belgiens in das deutsche System ist nicht Verschmelzung, sondern Einbruch, Diebstahl, Gewalt. Die Kosmen der zivilisierten Nationen, kleine und große, müssen nebeneinander rotieren, es ist ihnen nur eine höhere Form des Ausgleichs erlaubt, die der Verträge, des Handels, des geistigen Tauschs. Keine Dialektik kann das Verbrechen ungeschehn machen, daß man die beschworne Neutralität Belgiens brach. Jedes Gefühl, das mir befähle, trotzdem zu meinem Volk zu stehn, da es nun einmal um seine Existenz kämpft, ist Dialektik. Anerkennend die Vitalität des deutschen Systems und das Recht auf sie, verwerfe ich bedingungslos ihre Methode.“
Aber in dem Knaben war dieses Gleichwohl und Trotzdem stärker. Heimweh ward stärker, wuchs zur Sehnsucht, die deutsche Atmosphäre, bekannte, zu atmen, Befehle zu empfangen, die vorstellbar waren, weil Blut der Väter sie schon empfangen hatte. Es kam der Tag, wo Rudolfi Reue gestand; siegreicher als die Moralität auf sich selbst vertrauender Gegnerschaft wurde die Gewissensqual, Kameraden im Stich gelassen zu haben.