Er zog seinen Mantel an, ging zur Tür, kam zurück und bat Hans, ihm seinen Überzieher zu leihn, unscheinbaren, sein eigner war mit Pelz gefüttert, ungeeignet unter Demonstrierenden getragen zu werden. Und er vertauschte die Mäntel.

Das war Wirklichkeit gewordner Vorfall aus einem Pamphlet „Der Revolutionär im Pelz,“ dessen grober Ironie man Anerkennung versagt hätte, weil sie zu direkt gewesen wäre. Puck lachte schallend, Siriwan sagte befriedigt: „Der Revolutionär hat sich entschleiert“ und schien nicht erstaunt zu sein; Hans erklärte:

„Die Menschen sind erstaunlich, und es ist mir immer wieder im Innersten fremd, was sie treiben. Warum soll einer, der die Lage des Volks verbessern will, nicht einen Pelz tragen; heißt denn Sozialist sein, den Sansculotten spielen? Statt zu denken: jeder, der im rauhen Wetter zu tun hat, soll einen Pelz besitzen, trägt er den seinigen mit schlechtem Gewissen.“

„Aber er trägt ihn, und darauf kommt es an,“ antwortete Siriwan, „und schlechtes Gewissen besagt nichts andres, als daß er zwischen den Gesinnungen steht, mutlos, unaufrichtig, verlogen, der Intellektuelle, der Schaumschläger des großen Worts, begierig auf die Führerrolle, die nie dem Könner, immer dem Hetzer oder Schmeichler übertragen wird. Tat, Tat schreit er sich und den Geistigen zu und weiß nichts andres darunter zu verstehn als Demagogie. Was ist er? Einer, der die Bequemlichkeiten des Bürgers kennen gelernt hat und zu schätzen weiß, sein Instinkt sagt ihm ganz richtig, daß Aufstieg immer eine Vermehrung von Komfort ist.“

„Nehmen wir zu seinen Gunsten an,“ sagte Lauda, „daß er nicht nur subjektiv unklar zwischen den Lagern steht, sondern objektiv in einem Konflikt ist, gern das Recht auf den Pelz aussprechen möchte, vorläufiges Mißverständnis fürchtet.“

Aber die Verteidigung war matt: auch wenn man statt von Schreiner vom radikalisierten Intellektuellen sprach — die Lüge des Intellektuellen blieb, der nicht so identisch mit seiner Idee wurde, daß er als Proletarier unter Proletariern lebte.

Als Lauda an dem kleinen Hotel der Gasse vorüberging, in der seit Jahrhunderten fahrendes Volk, Varietéleute, Jodler, Soubretten über den Bierhallen des Erdgeschosses hausten, fiel ihm ein, daß Lisbao darin wohnte und bettlägrig war. Er stieg hinauf. Das Zimmer hatte keinen Ofen, es standen Bett, Tisch und Becken; hinter dem Vorhang des Wandschranks hing ein einziger Anzug, den zweiten trug Lisbao im Bett, die Wärme fehlender Decken zu ersetzen. Franziskanische Armut des Poeten — wäre er Poet im alten Sinn gewesen, Dachkammer mit Versen des klagenden Kinds verbrämend, er hätte auf die Dauer Besitz von der Vorstellungskraft des Bürgers ergriffen.

Daß er kein Wesen von dieser Dachkammer machte, gewann ihm Respekt Laudas, dem er die Hand lächelnd entgegenstreckte. Melancholie der leisen Stimme war natürliche Haltung eines, der Rimbauds Flucht aus Paris liebte, ganz anders war, nur Kaffeehaus und die Druckerei kannte, in der er seine Hefte selbst setzte, zwischen Winkelhaken und Holzschnittpresse jeden Handgriff übte. Nie hatte Lauda ein Wort der Intrige von ihm gehört, in einem Milieu von Künstlern und Literaten, dessen Spannungen sich täglich durch Intrige lösten.

Vielleicht vermied er deshalb, Einblick in seine arme Privatexistenz zu geben, weil sich um ihn, den Entfernten und Angreiferischen, für Entfernte und Nacheifernde ein Nimbus wob — es hielten ihn manche für einen Alten und Weisen. Auch konnte man sicher sein, daß, wenn er an den Tisch im Café trat, seine Brieftasche mit Zeitungsausschnitten gefüllt war, in denen das Wort Lisbao blau angestrichen — jeder Charakterzug eines Menschen, dem innren Anstand entsprungen, diente zugleich seinen egoistischen Interessen; es stand ganz in der Willkür des Urteilenden, welche Seite er sehn wollte.

Der Typus dessen, der den Blick für die egoistische Seite hatte, saß neben dem Bett Lisbaos, Brause, Literat aus der deutschen Hauptstadt, Typus in allem, berlinerischer Sprache, Schußfertigkeit des Urteils, Zurstreckebringen. In zehn Minuten war der Kranz der Zeitgenossen durch die unterrichtete Zunge entblättert, es stand die Misere deutscher Geistigkeit in erschreckender Nacktheit. Daß er selbst in einem Propagandaamt saß, war Handlung des Zwangs mit dem jesuitischen Vorbehalt des Klügren. Seinen Einfluß zu beweisen, erbot er sich, Lisbao und Freunde in Berlin berühmt zu machen, genaustes Programm. Halb ward Lisbao verlockt, halb fürchtete er nationalistische Ausnutzung, schädigend in französischen Kreisen. Lauda tröstete ihn, Brause würde hinter der Tür vergessen, was er im Zimmer versprochen hatte.