Heimkehrend fragte er sich, in welche Schicht er selbst gehörte, den Literat nicht liebend, der sich wichtig nahm, nicht den der Bildung und Erziehung hingegebnen deutschen Idealisten, der unfähig war, die Idee des pädagogischen Positivismus zwar zu setzen, aber zugleich durch äußersten Vorstoß des Denkens aufzuheben, und nicht das bürgerliche Lager, das seßhaft in Existenz war und Geistiges zum Schmuck degradierte.

Keine Frage war das, die ihm Qual bereitete; unbedingt abgelehnt nur der Literat, Entfeßler des Worts und Pathetiker der heroischen Geste; möglich das Verhältnis zu Idealist und Bürger — der eine Mitarbeiter, der andre Feld des vor Lauda tretenden Missionsgedankens. Der zu sentimentale Idealismus konnte ersetzt werden durch den, der Synthese aus Ja und Nein war, und das Bürgertum, die Irdischen, war der Boden, aus dem die Jugend wuchs, die Zahl derer herkam, denen man die Idee bringen mußte — eine Verwandtschaft bestand zwischen diesem Boden und dem Mütterlichen, das um einen Grad heiliger als alles andre Leben war.

Es erzeugte das Wort Erziehung, mit dem er nun zu operieren begann, Mißbehagen in ihm. Erziehung war ein zu positiv geladnes, pathetisch moralisches Wort, eifervoll, sentimentalisch. Erziehung bezeichnete nicht das, was er wollte, eine Auffassung, die Komponente aus zwei Gegensätzen, bedingtes Ja war, das seine Bedingtheit nicht fortwährend zur Schau trug, alle Energie des bedingunslosen Ja enthielt, aber durch das Hintergrundsgefühl des Nein straffer, gereinigter wurde. Erziehn wollen war Anmaßung; Erziehen schlechthin, Da-sein, Wirken, Daseiendwirken, mit andren und für sie denken, wäre die Umschreibung des fehlenden Worts gewesen.

So verhielt es sich auch mit dem Begriff Religiös. Er konnte ihn nicht umgehn, denn das Verhältnis von Ja und Nein, Aufhebung von Irdischkeit und Zeitlichkeit durch Totalität war religiös — es war die Quintessenz, wenn man die gemünzten Konkreta Gott und Seele einschmolz und den Stimmungsgehalt ausdampfen ließ, so daß nur die reale Abstraktion, präzise, übrigblieb. Und abermals verhielt es sich so mit dem Begriff Güte; sie war wie Religiös moralisch gerichtet, als Eigenschaft, Besitz, Gebot bestimmt, und sollte von diesen stimmungsmäßigen Beimischungen frei sein.

Diese Fordrung, empfand Lauda, ist nicht Willkür. Die Selbstbespieglung des Menschen in der gewählten Idee der Güte war das, was er Sentimentalität nannte — sie war die Lust, einen Gott gefunden zu haben, in dessen Hände man sich geben konnte: edelste Form der Sentimentalität, aber doch Rührung über sich selbst; das Bewußtsein fehlte, daß dieser Gott Geschöpf des Menschen, Symbol, nicht Wirklichkeit war. Es bestand ein Unterschied, ob man sich unter den Druck begab aus dualistischem Unterordnungsbedürfnis, oder aus einem Entschluß, den man letzthin hygienisch nennen konnte, weil man für seinen Kosmos einen Zustand suchte, in dem er am leichtesten rotieren konnte — Demut des Moralischen wandelte sich in Anpassung an energetische Gesetze um, Mensch trat aus der ethischen Sphäre in die mathematische und war nur so im Stand, Güte, so weite Macht er ihr einräumte, doch jederzeit zurückzuziehn.

Er brauchte nur zu bedenken, wie verschieden an den verschiednen Tagen in ihm, Lauda, der Grad an Güte, das freie Quantum an Güte war. Es gab Tage, an denen sie schlechthin alle seine Anschauungen und Handlungen bestimmte, andre, in denen sie wie ein dekulminierender Stern ein wenig, ziemlich weit, ganz weit abseits stand; und das Entscheidende nun war, daß er für diese Unterschiede keinen objektiven Grund fand, stets sich mit sich selbst im Einklang fühlte. Bereitwilligkeit — Zurückhaltung — Ablehnung; Verzicht auf Egoismus — Einschlag oder Triumph von Egoismus waren Aggregatzustände, so berechtigt und notwendig wie atmosphärischer Niederschlag, der bald Schnee, bald Wasser, bald leichter Morgendunst, verschwunden am Mittag, war. Die Freiheit, naiv atmosphärisch zu sein, darauf kam es ihm an — grundsätzliche Güte wäre Vergewaltigung, Zwangszustand gewesen.

Letztes Ziel, stärkster Trieb in ihm war in der Tat: naiv zu sein; nicht in dem Sinn, daß er Denken, Widerstand leisten, sich selbst Zersetzen je als Hemmung empfunden hätte, sondern in dem des rücksichtslosen Durchbruchs zum Wechsel der atmosphärischen Aggregatzustände.

So kam es, daß nach einem Tag, an dem er sich ganz etwa einer Frau gewidmet hatte, am nächsten dieselbe Frau lästig fiel, weil sie aus dem beglückenden Gestern den Anspruch auf das fortsetzende Heute ableitete. Nichts aber war so schwer, als ihr klarzumachen, daß seine veränderte Haltung heute nicht Verleugnung des Gestern bedeutete, nur Selbstregulierung und die gleiche Naivität wie gestern war: der Konflikt mit ihr wurde unvermeidlich, und es gab nur einen Ausweg — nicht Trost für sie — das Nacheinander der Zustände als Gesetz zu formulieren, das unvereinbar mit dem Wunsch nach Dauer war.

Eine der Bühnen der Stadt setzte sein letztes Stück an; eingeladen den Proben beizuwohnen, sprach er mit dem Regisseur, selbstbewußtem Mann, und enthielt sich darauf jeder Teilnahme, vorschützend die ungünstig gelegnen Stunden.

Einiges vom Gang der Einstudierung erfuhr er in der Folge von Graumanns neuer Sekretärin, Else Jakobi, deren Schwester Rutt Schauspielerin war und in einer Rolle des Stücks auftrat. Lob Graumanns ihrer Intelligenz, die er der jüdischen Rasse zuschrieb, veranlaßte Lauda, sie zur Aushilfe heranzuziehn, er hatte für den jungen Rudolfi, der nach Deutschland zurückgekehrt war, noch keinen Ersatz. Sie arbeitete so gut, daß er Graumann vorschlug, sie ganz in die Redaktion zu versetzen. Graumann weigerte sich, da erbot sich Fräulein Jakobi, beide Aufgaben zu übernehmen — Andeutung, daß sie Grund habe, Arbeit zu häufen.