Der Grund war mühlos zu erkennen: Melancholie; ihre Augen starrten manchmal in Grübeln, und die Freizeit der Abende war ihr tot. Kleine Orientalin, warm und üppig, von Wesen ganz unaufdringlich. Sie kam aus einer großen Landstadt des Ostens, wohin die Söhne, Studium beendet, zurückkehrten, um mit der Praxis die Familie zu gründen, suchend unter den Töchtern nach Geldinteresse und dem Rasseideal, der vollbrüstigen Frau, die Vorstellungen befriedigt und gute Mutter ist. Unlust der Schwestern, so zu warten und gewählt zu werden, Provinz nie zu überschreiten, war in Rutt mit Temperament verbunden, in Else mit Ethik.

Als jene Schauspielerin wurde, entließen die Eltern auch diese, der Schwester zur Seite zu stehn. In Berlin liebte Rutt sich durch die Reihe der Schauspielschüler, in dem Augenblick alles wissend, wo sie sich entschloß, ganz wissend zu sein, und zahlte den Preis, um den Erlebnis erkauft wurde; aber Erlebnis war das Mittel, das der Stimme Fülle, den Gesten Bestimmtheit, dem Blut Macht über die Leute gab. Spannkraft wölbte Brücken über die Stationen; die letzte war das Tor, hinter dem die wenigen sich sammelten, die den äußersten Ehrgeiz kannten — vor ihnen die Ebnen der Städte, in denen Gold, Hermelin und der große Name warteten. Sie brannte auf die Fahrt in sie mit den Nerven eines Renners, gewiß anzukommen, und sparte sich nicht für den Grafen auf, gewiß ihn gleichwohl zu finden.

Else, Hüterin nach dem Willen der Eltern, verständigte sich mit der Schwester. Hüten, das war ein Begriff aus der Sphäre des Patriarchalischen, die Welt war anders geworden. Else sah dem Schauspiel zu, das die Schwester gab, nicht abgestoßen, der Verschiedenheit bewußt. Mochte sich auch für Rutt aus Geschehn und Geschehn eine Einheit formen, ihr eignes Wesen war: Einheit bleiben. Sie wurde von den blonden Schauspielern begehrt, die Naturell voraussetzten. Verkehrend im Kreis der Verwandten, fand sie, großstädtisch modifiziert die gleiche Welt, in der die Männer heirateten, klug Sinnlichkeit und Interesse vereinend; sie fühlten, daß dieses schwellende Mädchen mütterlich war, Anträge folgten sich wie die feststehenden Namen der Tage. Else floh; es zog sie nicht an, was diese bewegte, Praxis des Anwalts, des Kaufmanns Gewinn. Sie suchte ein andres Lager auf, in dem die Standarte der sich befreienden Frau wehte.

Wenn sie die überzeugten Worte vernahm, fühlte sie wohl dahinter die mächtige Idee, aber wenn sie die Idee aussprechen wollte, wurden ihr dieselben Worte platt im Mund. Was lag vor? Ein Mangel dieser Worte, die so nützlich klangen; doch sie verstand ihn nicht zu benennen. Andre mochten dasselbe empfinden, sie steigerten die Nützlichkeit in Fanatismus, Fanatismus donnerte gegen den Mann — war sie selbst dem Mann feind? Er gab das Kind, er gab Erlebnis, er war zum mindesten eine der Möglichkeiten der Frau, den eignen Mittelpunkt, das innre Kreisen zu finden — war das nichts?

Berge legten sich vor, ehe sie den Umkreis des Menschlichen überblicken würde, Gang eines Jahrzehnts. Ihn anzutreten, begann sie mutlos zu machen, denn manchmal war es, als sende das noch ferne vierte Jahrzehnt nach dem kaum beschrittnen dritten das aus, was es an Ergebnis barg — Enttäuschung.

Zurückkehrend in den Kreis Rutts begegnete sie einem, der ihr den Punkt, an dem sie stand, geheimes Zögern, Atemschöpfen vor dem Antritt der Reise, mit bestimmtesten Worten benannte; seine Geistigkeit Wirbel aus: Wissen um die menschliche Natur, Spott über die Angst vor Erlebnis, klarstem Befehl, Erlebnis zu suchen. Er galt als Wortführer unter jungen Literaten, die Beschleunigung des Tempos in Stil und Aussprechen verlangten, war über Nacht aus dem Nichts in das Getümmel gesprungen, schon war ihm eine Fahne zugefallen.

Er zog von Stadt zu Stadt, in jeder fand er eine Freundin unter den Töchtern der Bürger; als die erste Dekade erreicht war, begann er die Rundreise von neuem und zwang jene, sich damit abzufinden, daß ein jeder die Folgen einer Begegnung, Sehnsucht nach Dauer, Qual des Alleinseins, Konflikt mit Bürgerlichkeit für sich zu tragen habe; Sehnsucht, Qual, Konflikt waren in Energie zu verwandeln, die Denken und Gefühl in Bewegung setzte; Begegnung war Festtag, und Festtage sind Episoden. Die Konsequenz verlangte, daß es auch der Frau erlaubt war, sein System der Vielheit und des Nacheinander zu proklamieren; da es konsequent war, erkannte er es an.

Er kam nach Berlin und stand vor Else Jakobi — an ihr, den Sinn zu begreifen. Er strahlte wie ein junger Gott in Energie; störend die olympische Gebärde. Sie durchschaute ihn, empfand die Lockung, gab nach; er mochte recht haben, daß, wer den Sprung nicht wagt, den Schritt nicht findet. Woche der Entrückung, Meister lehrte die Novize, vollkommner Kurs, dann reiste er ab, nahm sie in die Zahl derer auf, die er Korrespondentin zu sein würdigte; seine Briefe waren wie neue Berührung mit dem elektrischen Kontakt.

Sie sprach, als Lauda ihr Vertrauen gewonnen hatte, ohne Verhüllung. Ihre Schildrung des Freunds war ironisch, aber auch von einem Fatalismus, der hellsichtig war. Was half es, den Selbstsichren moralisch zu werten? Erlebnissen durfte man nicht fluchen, selbst wenn ihr Gewinn nur Melancholie war — vielleicht hieß Melancholie der letzte Sinn? In guten Stunden erkannte sie an, daß er ihr viel erspart hatte, den Umweg des Herzens und die Qual, verlorne Unabhängigkeit mühsam wiederzugewinnen.

Hätte sie nur gewußt, was mit diesem Gewinn anfangen. Wohltat war, daß die Ländergrenze, schwer überschreitbar, zwischen ihm und ihr lag; da las sie in der Zeitung, daß er zu einem Vortrag kommen werde. Sie erbat Urlaub, um so lang in die Berge zu gehn, zog ihn dann selbst zurück; bleiben und ihm wieder auf acht Tage untergeordnet sein, war weniger feig als flüchten. Lauda gab ihr recht; sie gehörte zu denen, die sich selber heilen, indem sie austragen, was in sie gesenkt wurde, langsam Wandelnde, doch sicher.