Als der Freund kam, erhob er nicht viel Anspruch auf ihre freie Zeit, eine Zuhörerin lud ihn aufs Seegut ein. Dort traf er Rutt, entführte sie nach St. Moritz. Else kam nicht aufs Büro, am zweiten Tag suchte Lauda sie auf, fand sie in einem der Mietszimmer, in denen Frauen zu sehn bewegte; freudlose Wände, nicht der Mühe wert, weibliche Hand daran zu wenden.

„Es ist gut so,“ sagte sie, „er verhalf zur Krise. Das Entsetzliche war, daß ich immer fühlte, etwas müsse noch kommen, um die Erniedrigung voll zu machen; es selbst herbeizuführen, fehlte weniger der Mut, denn ich sehnte mich danach, als die Vorstellungskraft; ich grübelte und fand es nicht.“

Er fragte, ob er es verantworten dürfe, sie allein zu lassen; sie antwortete:

„Am Tag gewiß, die Nächte sind schlimm, aber dann sind Sie ohnmächtig. Gut, daß es Nacht gibt, in der man die Dinge, sich selbst absolut sieht, das Absolute ist die Sphäre des Tods.“

Er hielt sie an diesem Abend durch Beschäftigung hin, dann führte er sie hinunter ins Fremdenzimmer Graumanns, da zu schlafen. Sie nahm an, aber als sie erfuhr, daß er die Nacht durcharbeiten wolle, bat sie, bei ihm lesen zu dürfen. Er begann zu schreiben, legte die Blätter auf den Stuhl, sie griff danach, nach einer Weile bemerkte er, daß sie selbst schrieb. Als er aufstand, sah er, daß sie seine Arbeit abgeschrieben hatte.

„Warum tun Sie das?“ fragte er, „Abschrift hätte nur Sinn, wenn sie mit der Maschine in vielen Exemplaren angefertigt würde.“

„Ich weiß, ich wollte nicht Ihnen helfen, sondern mir. Geistiges vom Keim bis zur Ausbreitung zu verfolgen tut wohl, es gibt nichts andres, was standhält. Ich fing zuerst das Buch einer Politikerin an, dann kam der Wunsch, die stärkre männliche Energie zu spüren, stärker weil sie weiter und duldsamer ist. Liegt in der Tiefe nicht das Gefühl, daß alles auch anders sein könnte, als es ausgesprochen wird? In den Büchern der Vorkämpferinnen begegne ich ihm nie.“

Sie bereitete den Kaffee der zweiten Morgenstunde, danach sprachen sie von dem, was der Frau bleibt, die jenseits der Ehe getreten ist.

„Als die Frau noch aufs Haus angewiesen war,“ sagte Lauda, „gestern noch, war sie derjenige, der kraft des Gehorsams gegen die Tatsächlichkeiten von Geschlecht und Wirkungskreis, identisch mit ihnen zu bleiben vermochte, allein dauernde und reine Menschlichkeit erreichte, weil er duldend war. Herr bleiben, also identisch sein, diese Idee des Manns, ist nur eine Fiktion, ein künstliches Ideal. Jeder Mann ist nur eine Zeitlang, periodisch, identisch mit Sinnlichkeit oder Geistigkeit; zuletzt ekelt ihn immer vor sinnlicher Unverbindlichkeit, die Güte ausschließt, und vor Güte, die totale Befriedigung des Sinnlichen verbietet. Der Mann, nicht die Frau, war damals der ewig Zerrissne; er ist das Geschöpf, das die Bekehrungen, die Sinnesänderungen, das Nacheinander erfunden hat; er ist der Zerstörer der Bindungen.“

„Und heute ist die Frau wie er, zerrissner als er, weil selbst das Nacheinander nicht ihren Instinkt übertäubt, daß sie sich Gewalt antut. Wenn wir nicht krampfhaft sind, glauben wir nicht an die Illusion, die in den politischen und andren Freiheitsidealen liegen könnte. Keine von uns gibt zu, wie schwer es uns fällt, einsam zu sein, nur auf uns und Abstraktionen angewiesen; jede hat die Sehnsucht nach Bindung durch den Mitmensch, der Geliebter oder das Kind heißt. Als ich mich damit quälte, etwas zu tun, was mich zugleich ganz meinem Freund auslieferte und dann von ihm befreite, kam ich auf den Gedanken, ein Kind von ihm zu haben — sein Triumph, denn bereits proklamiert er die zwanzig Kinder, die von ihm zeugen sollen, und danach meiner, wenn ich ihn, Dienst erwiesen, gynokratisch verabschiedet hätte.“