„Warum haben Sie es nicht getan?“
„Weil er mir die Gelegenheit nicht mehr gab, sondern an Rutt Gefallen fand,“ antwortete sie mit einem Lächeln, das plötzlich in ein Lachen überging, helles, befreites.
„Ein wenig Kaffee,“ sagte sie, „ein helles Zimmer, und das Blut pulst mit einer Leichtigkeit, als könne es nie anders sein. Morgen früh werde ich es ebenso unbegreiflich finden, daß ich leicht war; nicht eine Spur des gegenwärtigen Zustands wird geblieben sein, selbst wenn ich ihn mit der größten Willensanstrengung suche. Was für ein barometerhaftes Gebilde ist ein Naturell — ich denke das oft, wenn ich eine Geschichte lese oder im Theater sitze: immer sind die Menschen der Literatur unveränderlich, als liefen sie, einmal in Bewegung gesetzt, auf Schienen. Ist das Wesen der Kunst oder Ohnmacht der Dichter?“
Lauda: „Fast immer Ohnmacht, ganz selten Stilisierung zum Zweck der Vereinfachung. Die Einheit von Zeit und Ort hat man längst aus dem Drama verabschiedet, die Einheit des Charakters ist noch unangetastet und macht die Dichtungen so unzulänglich. Von hier aus könnte man die ganze Welt der Kunst aus den Angeln heben — um am Ende die Einheit des Charakters doch wieder einzuführen, allerdings eine neue, härtre, gereinigte.“
Else: „Warum wird es mir morgen früh nicht gelingen, die Stimmung von jetzt zu verwerten? Glauben Sie, daß man es überhaupt könnte?“
Lauda: „Durchaus. Das ganze Geheimnis, das eines der wesentlichen ist, besteht darin, daß man einen neuen Gedanken, eine neue Willensrichtung hundertmal wiederholen muß, bis sie geläufig, vertraut, aktivistisch werden. Sich seiner augenblicklichen Stimmung, die nur ein andres Wort für Dichtigkeitszustand des innren Kosmos ist, entgegenstellen — das ist Widerstand der freien Energie gegen die gebundne. Nicht das Ich stellt sich entgegen, sondern im Ich ein kleines Quantum freier Kraft dem großen der unfreien. Verstehn Sie die Tragweite? Es ist eine Erklärung des Phänomens Ich. Ein Freund, d’Arigo, spielte diesen Vorgang, daß das Ich sich auflehnt, als Beweis der Seele aus und sah in ihr ein selbständiges X, das souverän die Körperlichkeit reguliert. Das ist natürlich dilattantischster Dualismus. Freier Wille heißt: das Quantum ungebundner Energie vergrößern und danach als Widerstand trainieren. Wenn irgendwo der Punkt ist, wo indische Willensreglung und das banale europäische Wie werde ich energisch sich decken können, dann hier.“
Else: „Sie sind gütig zu mir, warum?“
Lauda: „Weil Sie keinen Anspruch auf mich erheben, ich nicht an Sie. Darum besagt es auch noch nichts über meine wirkliche Fähigkeit zur Güte, und ich weiß nicht, ob ich sie frei machen könnte, wenn ich die Stelle Ihres Freunds einnähme. Güte trotz Verpflichtung ist etwas durchaus andres als Güte aus Stimmung.“
Und da es die Stunde der Vertraulichkeiten im nächtlich stillen Zimmer war, fügte er hinzu:
„Ihr Bericht seines Wesens wirkte auf mich wie mein Verkehr mit Siriwan — irgendwo schneidet auch Ihr Freund sich mit mir, und als Ihre Schildrung, nur durch Aneinanderreihung der Tatsachen, ungewollt ironisch wurde, empfand ich, heiß und unbehaglich es wäre leicht, auch deine Gastspiele unter den Töchtern der Bürger in dieses Licht zu rücken. Unterschied mag da sein, als Verzicht auf die olympische Gebärde, von der Sie sprachen. Wenn ich etwas bin, so Antipode des Schauspielers, worunter ich den verstehe, der aus dem magischen Wechsel seiner Wallungen rasch irgendeine Form zusammenrafft in der zwitterhaften Absicht, zugleich Einheitlichkeit zu haben und auf die Tiefe seiner Verwandlungen schließen zu lassen; Eitelkeit ist Stolz auf Tiefe.“