„Geben Sie mir einen Rat, nennen Sie eine Idee, eine Tätigkeit, in die ich mich retten kann, wie man in ein fremdes Land geht, sich eine neue Existenz zu schaffen und — Abstand zwischen sich und die alte zu legen.“

Er betrachtete sie, sah ihre jüdischen Züge, sagte:

„Zuerst wollte ich Ihnen Frauenbewegung oder Pazifismus nennen, alle diese Bestrebungen haben den großen Illusions- und Beschäftigungswert — es kommt mir ein andrer Gedanke: arbeiten Sie im Zionismus. Er wird Wirklichkeit werden, wenn die Türkei zerschlagen ist und England sein Versprechen einlöst.“

„Was wissen Sie von ihm?“

„Nichts als daß er jede andre Idee, die auf Staatengründung ausgeht, durch seinen Gehalt an überrealen Gefühlswerten übertrifft, also religiöse Bindung ermöglicht.“

„So könnte ein Konservativer sprechen.“

„Wer sagt Ihnen, daß Konservativismus als Idee nicht weiser als jeder Radikalismus ist? Niemand kennt sich, auch ich nicht mich. Manchmal habe ich das Gefühl, von mir und nebenbei von allen, die die Bindungen lockern, daß wir wider unsren Willen in das scharfe, künstliche Licht des Rationalen schreiten, von einem Dämon gestoßen, der nur Verführer zu Erkenntnis ist. Wir können uns nicht anders verhalten und wir sollen es auch nicht, denn es liegt wohl ein Gesetz der nach irgendeinem Mittelpunkt vorrückenden Kosmen vor, und man kann nur ahnen, daß die Erkenntnis eine neue Naivität ermöglicht — immer wenn ich handeln muß, glaube ich sie schon zu haben. Temperament kann immer ungebrochen sein, gleichgültig, wieviel Hemmungen es durchschritten hat. Immerhin zeigt sich, daß das, worauf der Mensch seine ganze Energie konzentriert, der freie Wille, auch seine problematische Seite besitzt: Züchtung von freier Energie sprengt die Bindungen — ohne Bindung kann man nicht leben, und wenn ich mich als Kosmos, Bruder des Himmelskörpers Mensch empfinde, von Druck, Achse und Rotation spreche, denke ich nur ein andres Wort: Bindung, diese Legierung von Ja und Nein; denn gebunden wird das Nein, die Sehnsucht nach der Totalität und der tödlichen Rückkehr. Mit andren Worten, Bindung ist Demut, Gehorsam gegen den Zwang zur Existenz, Bindung ist Scheu vor dem zu Radikalen, von dem man sagen kann, daß es sich nur der Maske der äußersten Energie bedient und in Wirklichkeit Gehilfe des zerstörenden Tods ist. In diesem Sinn ist Bindung konservativ, in demselben Sinn konservatives Denken religiös.“

„Sie lösen sich vom Radikalismus, bevor er sichtbar geworden ist.“

„Darf man der Zeit nicht vordenken?“

„Man soll mitdenken,“ sagte sie.