„Ja, aber das einfügen, was überall eingefügt werden muß und die eigentliche menschliche, geistige Leistung ist, den Widerstand. Ist eine Betrachtung, die den Widerstand in den Mittelpunkt stellt, nicht konservativ?“
„Sie kann nicht umhin, auch dem verwirklichten Konservativen Widerstand entgegenzusetzen.“
„Nichts kann wahrer sein, Sie legen das System der Denkströme bloß, die Ebbe und Flut, lebende Vorgänge der Mensch genannten kleinen Welt sind. Das Nein, das die Positivismen des Lebens in Frage stellt, ist nur ein Phänomen des Ja, das sich durch Widerstand verstärken will, und das Ja des Radikalismus ein Phänomen des Nein, das die Lockung des größten Glücks vorschiebt, um das Jasagen tödlich zu treffen.“
Sie hatten sich am nächsten Morgen kaum an die Schreibtische gesetzt, als Rutt gemeldet wurde.
„Ich komme,“ sagte sie, „weil ich mit dem Regisseur in der Auffassung meiner Rolle uneins bin, Sie sollen entscheiden.“
Sie berichtete; es erwies sich, daß das Tempo einer Figur nicht geändert werden konnte, ohne alle andren zu beeinflussen. Der Regisseur arbeitete mit Hebeln und mit Schrauben, holte die Sätze schwer hervor, ließ sie langsam zerfließen, starre Lava, und goß das Dämmer wechselnder Lichtmagie darüber. Lauda nahm das Buch, las den Partner, bat Rutt, ihre Rolle zu sprechen. Vollkommne Harmonie, rasch rollten die Szenen, leise gedämpft — Beschleunigung und Abstand waren die Absteckungen, zwischen denen zwei Stunden Geschehn sichtbar wurden, aufschwellend wie Kammermusik, danach nicht mehr. Schauspieler durfte nicht lebensgroß, wuchtige Materie sein; fern Pathos, Agieren; Gestalten sind, überflüssig, daß sie sich erklären; Probleme knüpfen sich, lösen sich wie eine Schleife, Lauda legte keinen Wert darauf, den Zuschauer durch sie aufwühlen zu lassen — Zuschauer sollte zuschaun. Zuschauer sollte bleiben, was er war, dem Schicksal Andersgearteter, Verstrickter beiwohnen.
Es gab andre Stücke, elementarere, wie es neben Kammermusik die heroische gab — dieses Stück war, wie es war, also galt es, seinen Stil einzuhalten. Rutt, die nervenzerrende Rollen liebte, hatte verstanden, daß sie hier Härte unter zarter Hülle und süßem Dunkel verbergen mußte — am Regisseur, gleichermaßen zurückzustellen, was er gelernt hatte, den großen Apparat, und sich unterzuordnen.
Lauda begleitete Rutt auf die Probe, griff ein, ließ von vorn beginnen, warf das Tempo von Grund aus um, reduzierte Kulissen auf ein Minimum. Konflikt mit dem Regisseur trat, dem Direktor anheimgegeben, in das Stadium, wo Ausgleich unmöglich wurde. Lauda verlangte die Regie für den Rest der Proben und den Abend selbst, drohte öffentlich zu widerrufen, drang durch, indem er dem Regisseur den nominellen Oberbefehl überließ, und sah sich auf zwei Wochen als unumschränkten Herrn über sechs Menschen und die Trabanten. Es war Vergewaltigung — wie immer beim Sprung in die Tat empfand er, daß, wenn er handelte, er ganz handeln konnte, Geistigkeit wie ein Fächer war, den man schloß und zum Dirigentenstab machte: kurzes Klopfen, Heben, — und die klirrende Symphonie begann.
Rutt sagte:
„Elses Freund und Sie sind absolute Gegensätze; er faßt die Energie in anfeuernde Formel, Sie üben sie aus, undenkbar, daß Sie an irgendeinen Gedanken Worte wenden.“