Kein Christus war mehr möglich, die Menschen hätten ihn gefragt: und was rätst du zu tun? Man hätte ein Programm von ihm verlangt, und Programme sind irdischer als alles andre, so fern dem Pessimismus der Religionsstifter, der Mißachtung des Leibs und des Staats. So war das Zeitalter, in dem wir alle leben; unmystisch, unlegendisch, unreligiös auf immer. Staat war der Gott, Gesellschaft die Form, mit der sich jeder Gedanke, jede Energie verbinden mußte, wollten sie überhaupt Form annehmen und mehr sein als Rezept für Individualismus. Noch gestern, dachte er, lebte der letzte große Christ, Tolstoi, begann das Beispiel bei sich und dem kleinen Kreis, der um ihn war — die Ausdehnungskraft dieses Kreises, wie schwach blieb sie, auf das Gut beschränkt; Dorf, Provinz, Land, Staat konnte sie nicht erreichen — es war vergrößerter Individualismus, Nachfolge Christi als Angelegenheit des Privatmanns.
Keiner heute, keiner in Zukunft wird mehr lehren, mehr erreichen können als dieses „Beginne bei dir selbst“, Beispiel sein, Da-sein, nach seinen Kräften wirken, und das war der tiefste Sinn des Pädagogischen; aber welche Tragik darin — unsre Tragik, des Menschen Tragik, dem Ideen, sobald sie aus der Sphäre des Elementaren in die der Materialität traten, zu Materie erstarrten, nützliches Handwerkzeug wurden.
Er hatte an diesem Tag das Buch einer Gruppe junger Dichter gelesen, Aufständiger gegen solche Irdischkeit. Haß darin gegen die sichtbaren Formen, in denen Weib nur Frau der gesitteten Welt, Mann nur Nutztätiger war. Dichtung ward als das Ewige und folgerichtig als Sprengung der bürgerlichen Regulative proklamiert; nicht weniger als drei hatten Frauen gestaltet, die sich, die einen aus Demut, die andren aus Sehnsucht nach dem Totalen, die dritten aus Fanatismus der Weibidee vielen, allen maßlos hingaben, keusch zuchtlos, schreiend brennend — was war es? Literatur, Ding für sich, denn alles blieb Literatur, was das Elementare absolut in die Welt des Existierenden werfen wollte; Existenz hieß Kontrolle des Elementaren; Existenz war Form, Form Rationierung des Elementaren.
Die Kritiker und die vom Bürgertum verehrten Dichter selbst hatten schon längst die Philosophie auf den Zwang gemacht, Elementar hieß ihnen Mildrung des Materiellen und Ewig Menschlichkeit — sie hatten das Pathos des Elementaren, nicht es selbst, sonst wären sie Zerstörer gewesen, denn das Elementare war, insofern es auf das schon Bestehende traf, Prinzip des Umsturzes, und es war, absolut betrachtet, doch zugleich die Ursache dieses Bestehenden; Entschluß des Urwillens zur Existenz war Selbstverurteilung zur Form.
Und er, Lauda, stürzte von neuem in den Abgrund, der sich zwischen ihm und Künstlertum aufgetan hatte, als es ihm feststand, daß Dichter und Künstler nur Leute waren, die das Elementare in maßvoller Dosis dem Materiellen zusetzten. Aber die Wirkung war heute anders; Ja war zu stark, denn starkes Nein hätte in drei Tagen zur selbstvollzognen Auslöschung geführt; Ja war zu stark, und es ergab sich Abfindung mit dem Gedanken, daß
Handeln Kompromiß,
Leben Hut vor dem Elementaren,
Alle menschlichen Angelegenheiten banale Tapferkeit, maßvolle Abfindung sind,
Menschen sich nicht zerstören wollen, Lobpreisung der Kunst als einer Verschönrung und Beschäftigung Wert hat,