Es waren die Schwestern in allem Gegensatz, gleichwohl so jüdisch die eine wie die andre — wie war Einheit bei so viel Verschiedenheit möglich? Es gab zwei jüdische Typen, wie es sie unter allen Menschen gab, den in der zeitlichen Sphäre heimischen und den religiösen. Waren Menschen dieser Rasse materiell, so waren sie es ganz; für ihre Leistung im Reich des Absoluten erübrigte sich der Beweis. Temperament im weltlichen Sinn hatte nur der Bewohner der sichtbaren Sphäre, der andre hatte Stoßkraft, Vorstellungskraft, Ideenkraft. Wenn es rationalistisch gerichtet war, bewegte sich jüdisches Temperament leichter, sichrer, anmaßender als jedes andre auf der Oberfläche der Dinge, stets noch vermehrt um den Hunger nach dem Anteil, die egoistische Energie — sie schwammen in der Materialität wie Raubfische im Wasser; Lehrzeit und Verpuppungsstadium waren abgekürzt, sie sprangen wissend in die Arena, mit dem glänzenden Blick, die Frauen so eifrig wie die Männer, aber die Frauen dieser Art unbeschwert von der Melancholie der Männer, ganz Energie — geborne Trägerinnen des Radikalen, unfähig, jene Bindung zu finden, durch die die vitale Energie so tief versenkt wird, daß sie Geheimnis wird.

Versenkung der Energie und Befreiung der Energie, das bedingte den Unterschied von Vordergrundsmenschen und Religiösen — religiös nach Laudas Definition der, der Ja und Nein vereint. Und dieses Verhältnis von Versenkung und Befreiung erlaubte auch, die tiefre Gleichheit beider Typen zu behaupten, wie die aller menschlichen Wesen. Praktisch gesprochen, wies die Melancholie Elses darauf, daß ihr die geistige Sphäre zugänglich war, wie allgemein die Melancholie der jüdischen Menschen Ausstrahlung der stärkren Geistigkeit war — den rationalistischen Frauen fehlte sie, trat höchstens als Surrogat Fanatismus auf; wo auch das Surrogat fehlte, drohte Selbstverbrennung der Energie, die sich in den kleinen Explosionen der täglichen Verausgabung vollzog, siehe Rutts Mitreden, Dabeisein, sofortige Umsetzung jeden Impulses.

Ein paar Tage darauf erzählte ihm Else von Vorstellungen, die Rutt an die Person Laudas knüpfte, wünschend, daß Else den Weg zu ihm ebne, und den Wunsch verleugnend. Sie träumte von einem Bündnis zweier Energien und Intelligenzen, deren eine die ihrige war, die andre die des zu findenden Manns. Da sie Schauspielerin war, glaubte sie den Partner in dem Dramatiker gefunden zu haben; Ziel: die Erobrung der Zukunft, Mittel: kopulierter Ehrgeiz, Zusammenhalten, gemeinsames Arbeiten, Schaffung von Verbindungen und Benutzung einer jeden unter Schultergefühl; so steigen, wie es zwei klaren Willen möglich war, sehr hoch, ganz weit.

Lauda sagte:

„Ihr Freund, Fräulein Else, wäre der gewesen, den sie hätte wählen müssen; Tenor und Diva sind nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich von der gleichen Welt. Nichts könnte mir ferner liegen, als meinem Ehrgeiz durch Organisation nachzuhelfen. Wie ich naiv leben, nach innrem Gesetz bald denken, bald handeln, bald mich binden, bald mich befreien will, soll auch Wirkung auf andre naiv sich vollziehn; hat man Wirkung, ist es ein natürlicher Vorgang, bleibt sie aus, desgleichen. Niemand weiß, ob das, was er sagt, Wert hat, mag er es als noch so neu empfinden; man kann es nur feststellen. Reisender im eignen Ruhm sein ist so anrüchig wie den Leuten einen Fabrikartikel aufreden.“

„Wenn ich auch nicht Kaiser dieser Stadt bin, kann ich doch ihr Harun sein,“ sagte er, auf der Brücke Siriwan begegnend, an einem der Abende, an denen er durch Straße, Fabrikviertel, Restaurants der Reichen und Vorstadtkinos ging. Siriwan lächelte mit dem Blick des Augurn, wenn er Lauda so begegnete:

„Man muß methodisch, gründlich und immer allein streifen,“ sagte er, „es ist das wahre Kennzeichen des selbständigen Menschen, die andren werden schon feig, wenn sie fünfhundert Meter vom Zentrum sind.“

Noch einem dritten begegnete Lauda oft, Schreiner — diesem in den armen Vierteln und immer einem über die menschlichen Höhlen, die Schnapsschenken, die lieblosen Vergnügungsorte Stöhnenden. Ein vierter wäre denkbar gewesen, der, der aufsucht, sieht, leidet und nicht spricht, sich vorbereitend auf den Tag, wo Sprechen nicht mehr Wort, sondern Lehre ist — er hätte vielleicht gesagt, daß Partei, Organisation, Selbsthilfe nicht das Wesentliche seien, wie Christus nichts von diesen Dingen gesagt hatte. Was hätte er also sagen können? Daß wesentlicher sei, das Reich in sich zu suchen, die Bürde der Existenz in sich zu erleben? Was hätte es dem Armen, Ausgestoßnen, Schwachen, Mutlosen geholfen? Die Bürde des Existierenmüssens nicht vergessen: das war Mahnung an die, die irgendwie fest und geordnet lebten; der, der unter der Bürde stöhnte, verlangte andres, Lindrung, und Lindrung bot ihm die Partei, die Hoffnung auf Vergeltung und Umsturz.

Wie anders war die Situation als zur Zeit Christi; es ließ sich der Mensch nicht mehr auf die innre Zukunft verweisen; Resultat von zwei Jahrtausenden hieß: Mißtrauen gegen die Lehre der Demut, denn Demut hatte zu dem System geführt, das von dem Besitzenden nur die Steuer des Almosens erhob, Kirche hatte ihren Frieden mit den Mächtigen gemacht.

Sinn dieser Streifzüge war Lauda, das zu erkennen, Tragik des Christentums zu fühlen, das gezwungen worden war, die Idee der Nichttat, des Religiösen, durch Tat zu verwirklichen. Mission für das Reich des Mehr-als-Irdischen treiben, hieß zu den Mitteln des Irdischsten, der Organisation greifen. Darum hatte, als das Christentum gescheitert war, der Sozialismus die Verwirklichung der Idee auf ganz materiellen Wegen unternommen: Organisation der Kräfte und Wille zur politischen Macht.