Welches Regulativ blieb, es den Menschen zu lehren, nachdem das größte gelehrt war, das sentimentalisch Güte, sachlich Anerkennung der Gleichberechtigung des Mitgeschöpfs hieß? Man konnte die Güte ihres dualistisch-theologischen Charakters entkleiden (denn sie war nicht jenseits des freien Willens als Imperativ in uns gelegt) und ihr statt der moralischen Färbung die tragisch-reale geben (die von Natur aus Feindlichen und vom Totalen her Getrennten verbinden sich gegen das dämonisch gleichgültige Abrollen, Brüder durch Widerstand); aber das war nur eine Reinigung des Begriffs Güte, der dadurch allerdings aus einem Sittengesetz zu einem Regulativ, einer der großen starken Künstlichkeiten wurde, mit aller Einsicht in ihr illusionistisches, idealistisches, nie zu verwirklichendes, nur den Egoismus modifizierendes Wesen.

Lauschte er in sich, schien es ihm, es gäbe noch andre, neue, nie ausgesprochne Formen des Widerstands, Keime einer künftigen Erziehungslehre. Sie lagen nicht auf der Linie der Radikalisierung, sondern der innren Energie, die in neue Kontinente des Hirns vorstößt, sie findend, indem sie sie erschafft, und nicht auf der Linie der Tat, die versklavt, sondern der geistigen Freiheit.

Als er nach Hause kam, fand er eine Mitteilung der Behörde vor, die ihm die weitre Herausgabe seines Blatts verbot; die deutsche Regierung hatte Vorstellungen wegen Verletzung der Neutralität erhoben. Auch Fünfkorn war das gleiche Schicksal widerfahren, aber die Entente hatte ihn geschützt. Da niemand hinter ihm stand, wußte Lauda, daß der Berner Entscheid unwiderruflich war.

VI

Achtzehnhundert Meter über dem Meer lag der Ort, sechshundert über dem Ort das Hotel; steilste Leiter verband sie, die Zahnradbahn.

Mehr als zweitausend Meter über den Ebnen stehend, in denen sie töteten, weil sie nicht einig wurden, ob ein Streifen Land dem Reich im Westen oder dem im Osten gehören sollte, empfand er die Verlockung des Hochmuts, der die Menschen unter sich sieht. Jenseits des Tals öffnete sich die ewige Weihnacht des Gletschers, und in der Schußlinie einer Kette von Seen erblickte er das Dorf, in dem Nietzsche dem schwachen Körper die starken Gedanken abgerungen hatte.

Einsamkeit, ihm selbst einst lustvolle Vorstellung, gefüllt mit hundert Reizen, wie ein andrer sich Liebe der Kinder, heiligen Abend, Walten der Lebensgefährtin ausmalt; Einsamkeit, einzige Möglichkeit, um Gebot des Egoismus und gutes Gefühl für Menschen zu vereinigen, weil gerecht gegen Menschen nur ist, wer nicht die Personen sieht, einzige Möglichkeit auch, naiv zu leben, fern der Ungeduld über die Konsequenzen, durch die eine Begegnung getötet wird, Einsamkeit war nicht mehr Realität, nicht die ohne Zögern gegebene Antwort auf die bisweilen gestellte Frage, wie er die Zukunft des nächsten Jahrzehnts wünsche, sondern hatte sich in ein Ideal verwandelt, das verwirklicht matt geworden wäre.

Wer Verweilen in der Arena der Menschen verwarf, so entschlossen dem Absoluten sich zuwandte, daß er jenseits der Manifestationen des Absoluten stand, solches Heimweh nach der Totalität hatte, daß seine Antwort auf die Frage Ja-Nein dadurch bestimmt wurde — er mußte das Leben von sich werfen, es sei denn, daß er gläubig war und die Bürde als Geheiß seines Gotts trug.

Fehlte dieser Glaube und wählte er doch die Einsamkeit, dann log er, denn er suchte nur einen Annäherungszustand des Nein und ließ sich noch vom Ja bestimmen. Aus der Einsamkeit die großen Worte in die Ebne hinabsenden: hinüberschauend nach jenem Sils-Maria, ahnte er, wieviel nutzlos verbrauchte Energie dazu gehörte, das Pathos der Distanz durchzuführen — so viel, daß sie genügt hätte, in der Gemeinschaft der Menschen sich zu behaupten, teilnehmend an ihren Angelegenheiten, der Kausalität dieser Angelegenheiten nicht zu verfallen und souverän zu bleiben. Einsamkeit war der Mantel der Größe, in den sich der hüllte, dessen Widerstandskräfte versagten.

Sich nicht ausschließen, auch wenn das Verlangen nach Einsamkeit immer wieder durchbrach; es durch Aufhebung rechtfertigen und erkaufen, wenn es sich als stärker erwies; lieber Leid erfahren und Leid zufügen, als dem täglichen Verschwenden, sinnlichem wie geistigem Umgang Kraft entziehn, um sie dem Werk zuzuführen; verschwenden und doch sowohl genug Kräfte für das Werk als genug Energie für den Wechsel aufbringen; zuzeiten Asket sein, trotzdem man zu andern ganz in Hellas war, dem geliebten, heitren.