Der Pächter des Hotels war ein gebildeter Mann; in den Monaten zwischen den Fremdenwochen gab er sich der Familie hin, erzog die Kinder in aufrechter Frömmigkeit, versammelte sie abends zum Musizieren: Übungsstück war die Verdiarie, er am Klavier begleitend, der Knabe die rührend schwache Stimme der Geige führend, das Mädchen singend die Klage. Familie gründen, Kinder haben, für andre den Unterhalt verdienen, auch das war Bürde und mutig. Alles war wahr, was der, der Einsamkeit wählte, gegen die Fron der Familie sagte, und der Bürger darum doch tapfer.
Nun wäre die Zeit gewesen, Claire zu sehn; nichts war gekommen als ein kurzer Brief: „Du bist so weit, Unwiderrufliches ist geschehn, ich mag nicht schreiben, wenn man mich einläßt, besuche ich dich.“
Es war November, die Wintergäste noch fern, Lauda wähnte sich allein, da sah er am zweiten Tag, daß noch ein Gast da war, der allein aß, nach Tisch fortging, über die Kuppen wanderte, nachts wachte — hinter den Gardinen des Nebels schimmerte sein Fenster.
Lauda begegnete ihm auf Spaziergängen und im Haus, erfuhr, daß er Stein hieß, sah, daß er Jude war und das Stigma des geistigen Menschen trug; aber im Freien bog jener ab, sobald er ihn bemerkte, und im Haus senkte er den Kopf tiefer, um nicht grüßen zu müssen. Scheu in jeder Gebärde eines mißhandelten Tiers, das in den Winkel strebt, wo es still sein Leiden übersteht oder sterben wird, niemand weiß, was es dabei Düstres empfindet.
Eines Tags, als Lauda im Ort Else abgeholt hatte, sah er dort, wo das letzte Haus schon allein stand, eine Gruppe Menschen; seltsam schwarz und deutlich die Konturen im föhnenden Regentag. Sie alle hantierten wild erregt, bückten sich, warfen Dinge, die wie Kohlköpfe aussahn, zur Seite, aber es wurde geschossen, und nun blitzten Messer. Einer nur stand regungslos, im flatternden Mantel, Stein. Hinzutretend erblickte Lauda das Grauenhafte.
Im Innern dampfte ein Brühkessel, in den noch zuckende Schweine geworfen wurden; vor dem Kessel eine Blutlache, in der der Metzger, Stiefel bis zum Knie, stand und den Tieren den Hals durchschnitt. Hinter dem Haus wartete eine Herde Großvieh wie eine Kompagnie, die sich in Deckung hält, daraus führte man Stück für Stück an den Waldrand und erschoß es militärisch. Daneben ließ einer die Keule auf das Genick von Ziegen sausen, ein andrer hackte die Köpfe ab. Eine riesige monströse Grube war Abgrund von Blut, Wiederkäuermägen, Köpfen, Eingeweide, das mit fast ausgetragener Leibesfrucht verwachsen war — stinkend, verwesend vom gestrigen Schlachten; Chlorkalk schwamm darauf, übertäubte den Geruch nicht und nicht die schwarze Farbe.
Die Ställe waren verseucht, alles Lebende wurde ein Tal entlang geschlachtet, Weiber weinten, die Mienen der Männer waren finster, der Beamte des Veterinäramts zuckte die Achseln und überwachte. Das war die Erklärung, die Else erhielt, aber Stein sagte schneidend:
„Rauchen Sie eine Zigarre, wenn Sie den Gestank nicht ertragen, aber bleiben Sie, halten Sie dem Anschauungsunterricht stand. Der Mensch tut das, was ihm Gesetz und Lust ist, er mordet. Wo ist der Unterschied, ob er Stück für Stück zur Bank führt, oder Keule und Gewehr zu Hilfe nimmt? Entsetzt es Sie? Ich sah das gleiche dort, wo der Krieg ist, warf in die gleiche Grube Eingeweide, Köpfe, Arme von Menschen, manchmal stand ein Pfaffe dabei, manchmal keiner. Sehn Sie die Hände der Metzger an, sie eitern von der Blutarbeit; dieser Eiter ist das Geschwür, das alle im Innern tragen; bisweilen bricht es durch, wird sichtbar, es ist ihre Seele; Seele ist Stank und Eiter.“
Danach verließ er sie, stieg zum Hotel auf. Sie holten ihn ein. Ihre Schritte vernehmend, wandte er sich um, und Lauda sah seine Augen: da erkannte er, wie aus dem Tiefsten der Hohn jener Worte gekommen war, so tief, daß er Gift in den Wurzeln des Lebens sein mußte. Hier ging einer mit dem Gedanken um, die Konsequenz zu ziehn, und der Umgang war wohl stündliche, einzige Beschäftigung. Es war nicht schwer zu erraten, daß diesen der Krieg zerstört hatte.
„Wenn Sie Zerstörung,“ antwortete Stein, „die Durchschmelzung der lebenschützenden Hemmungen nennen, die vor die Erkenntnis gelegt sind. Was heißt Zerstörung — ich habe die Realität wiederhergestellt, die so tief liegt, so sehr mit Sentimentalität, Optimismus, Zähigkeit überdeckt ist, daß man sie mit dem bequemen, unverbindlichen Wort Metaphysik bezeichnet und tut, als ob die davorliegenden Hemmungen schon die Realität seien.