„Daß sie am Ende aller Wenn und Aber immer wieder diesen Triumph des Lebens ausspielen, diese schlaue Weisheit des Geschöpfs, das wohl fühlt, daß es eine Kolonie fressender Zellen ist, dieses Sichabfinden mit der Tatsache, eine wimmelnde Welt von Raubmonaden zu sein, überzogen mit glatter Haut und lockender Rundung, diese Dynamik aus hundert Milliarden von Appetiten — das ist es, was mich das Grauen nicht vergessen läßt.
Nicht vergessen wollen, Widerstand leisten dem schamlosen Egoismus des Jasagens, das ist nun die mir eigentümliche Denkkonstellation geworden. Hören Sie einen Satz, den ich bei Hermann Bang las: ‚Ich sage dir, sähe ein einziger Mensch einem andern ganz bis auf den Grund der Seele, er würde sterben. Und wäre es denkbar, daß man sich selber auf den Grund seiner Seele sähe, man würde es als eine geringe, aber notwendige Strafe betrachten, ohne einen Laut sein Haupt auf den Block zu legen.‘“
„Und dieser eine wollen Sie sein?“ fragte Lauda leise, „ist das noch ganz Entschlossenheit des souveränen Menschen, der einmal, er wenigstens und für alle symbolisch, ehrlich sein möchte? Ist es nicht schon eine Lockung, Sehnsucht nach dem Martyrium, Hingabe an einen Dämon, ein gotthaftes Gebilde, dem Sie Aufenthalt in sich geben? Ist es nicht schon herostratischer Ehrgeiz, Spiel mit dem Gedanken, eine noch nie gefundne Methode entdeckt zu haben, um von den Menschen genannt zu werden? Ihr Leid hat sich schon verschoben, die Lockung des demonstrativen Tods ist vielleicht nichts als der erste Schritt der Heilung, weil sie nichts als eine unmerkliche Einschmugglung des nicht sterbenwollenden Egoismus ist.“
„Grund mehr, noch rechtzeitig den Riegel vorzuschieben, die Lockung zu morden, indem man sie befolgt.“
„Das ist Dialektik der Todesgedanken, nicht mehr Ehrlichkeit. Unsre äußerste Tragik ist, daß das Nein immer als Dialektik endet. Sie mußten sich töten, als Sie jenen Offizier getötet hatten, im Impuls. Was nicht Impuls bleibt, wird Dialektik. Sich töten, um nicht wahnsinnig zu werden, — das ist noch nicht die äußerste Leidensstation; diese heißt: erkennen, daß man sich nicht töten kann, weil man sofort wieder zum Aufbau verwendet wird, wahnsinnig werden, weil Wahnsinn nicht erlöst, das ‚Du mußt leben!‘ wie Donner hallt.
Es gibt nur eine Rettung: sich damit abfinden. Metaphysisch gesprochen: Was Sie leiden, ist die zu späte Frage des Urwillens, ob er recht getan hat, sich zu manifestieren; da er es tat, hat er seine Freiheit verloren, ist selbst in den Kreis der Tragik gestellt; wir sind verdammt ohne Rettung.
Aber real gesprochen: Haben Sie den Appetit der Tierkolonie in Ihnen, seien Sie die Dynamik ihres Zusammenschlusses, erbrechen Sie sich nicht in Gedanken an den Bodensatz in der Seele des Weibs neben Ihnen, nehmen Sie es und machen Sie ihm das Kind, lassen Sie sich von dem unsaubren Egoismus beflügeln statt zersetzen. Seien Sie schneidend hart, nie vergessend, und gleichwohl fröhlich, ein wenig nur, nur soviel als nötig ist, um das Leid zu ertragen.
Jede Philosophie endet mit dem Gehorsam, sei es der gegen einen außer uns existierenden Gott, sei es der gegen die Identität mit der Kraft, die uns zur Existenz verurteilt hat. Sich mit der Tragik abfinden, heißt sie niederhalten, sie trägt ihr Heilmittel in sich selbst; man muß lachen können. Lüge des Daseins wird Illusion, das Tragende; Bewußtsein, wie schmutzig wir sind und wie ohnmächtig, kann groß sein, größer als das Phantom von Pathos und Herrentum, das jener dort in Sils-Maria ersann, weil er selbst weich, gütig und physisch zu schwach war — wie idealistisch, das heißt, wie vorsichtig stand er mit Frauen. Seine Lehre der Härte war nur Symbol, er predigte das Maximum und meinte nur ein Minimum — gerade soviel Härte, als nötig ist, um sowohl vor dem Hochmut des Eifers als vor der Sentimentalität des Allheilmittels Güte zu bewahren.
Verstehn Sie mich? Ich spreche von der Tatsache, daß, wenn wir auf der Suche nach Rettung vor dem Tierischen die Güte finden, das Tierische und Egoistische vergessen oder als Feind betrachtet wird, während es darauf ankommt, aus Zynismus, Lebenshunger und Gerechtigkeit gegen die andern eine Synthese zu bilden, die uns ein neues kompliziertes, aber darum nicht weniger tragfähiges und unmittelbares Temperament gibt. Mensch, sei die Summe deiner Widersprüche, diszipliniere dich so, daß du mit vierzig Jahren der Massenerkrankung aller Reifenden, dem hemmungslosen Einbruch der Güte widerstehst. Wie viele in diesem Alter, glauben Sie, vermögen Widerstand zu leisten? Konnte es doch die ganze antike Kultur nicht, als sie alterte, sie zersetzte sich christlich. Widerstand leisten heißt nicht, die Dämonie eines neuen Gedankens leugnen; es heißt sie fühlen, aber nur in kontrollierter Dosis ins Blut aufnehmen.“
Und auf einem Gang über die Kuppen, als sie von der Möglichkeit der Erziehung sprachen, fuhr er fort: