„Wenn ich mich frage, ob es noch überhaupt neue Gesichtspunkte der Erziehung gebe, die über die Trivialität der moralischen Forderungen hinweghelfen, finde ich diesen Gedanken: Erziehung noch mehr als auf Moralität, das Selbstverständliche, auf Überlegenheit anzulegen. Überlegenheit nenne ich den Entschluß, Einsichten über die Grundlagen unsrer Natur nicht wieder untersinken zu lassen, sondern festzuhalten. Ringsum vollzieht sich alle Entwicklung so, daß die Menschen den vorletzten Gedanken durch den letzten totschlagen, der Weltliche plötzlich asketisch wird, der Individualist Güte predigt. Dieses Nacheinander scheint das Gesetz der innern Vorgänge zu sein, aber es kann ersetzt werden durch das Zugleich. Nie vergessen, daß wir der Gott sind, der die Ideen und Gebote schafft, nicht dualistisch aus Ohnmacht werden.“

„Ja,“ sagte Stein, „das Entmutigendste und Sinnloseste ist, daß gewonnene Erkenntnis mit dem einzelnen zugrund geht, immer wieder der sentimentale, eifervolle, pathetische Prozeß von vorn beginnt — sie, die von Entwicklung der Menschheit reden, müßten darüber verzweifeln.“

„Nein, sie müßten die Erkenntnis sichern,“ antwortete Lauda, „und es wäre nicht unmöglich. Hier interessiert mich erst Erziehung, hier zeigt sich die höchste Aufgabe des Widerstands. Eine Propädeutik der Energie ist denkbar, fußend auf einem noch nicht geschriebnen Katechismus, darin von den Gesetzen des Denkens die Rede wäre, von seiner Halbheit und Mühseligkeit, von seinen Rückfällen, vom primären Nacheinander und späteren Zugleich, von dem Versagen des Widerstands und seiner Größe, von der innern Physik, der seelischen Mathematik und der Überwindung des Tods durch die Generation. Aller Aktivismus wäre darin, die ganze Lehre vom Willen zur Selbstbehauptung, der den zur Macht ersetzen soll und seine gereinigte, geistige Form ist.“

„Voraussetzung wäre der Glaube an den freien Willen, ich habe ihn nicht mehr — hätten Sie erlebt, was ich erlebt habe.“

„Ich könnte sagen, ich habe es, beschränke mich darauf, zu sagen: ich behaupte die Mutationsfähigkeit der Seele — sie ist eine Frage der Trainierung von Hirnmuskeln durch den Willen, der identisch ist mit Selbstbehauptung, leichtfüßiger Energie. Das Hirn ist ein Kosmos, in dem neue Erdteile angelegt werden können: ein so mystischer Vorgang wie das Phänomen des Denkens überhaupt. Wie ist es möglich, daß wir immer wieder an derselben Stelle Empfindungen haben, ohne daß die früheren den späteren den Platz fortnehmen? Nur dadurch, daß Seele oder Hirn eine Masse ist, durch die in beliebiger Wiederholung Ströme gehn: es empfängt sie, reagiert raum- und zeitlos, leitet sie ab, ist aufs neue bereit, magische Landschaft der blauen Phosphorblitze, wunderbare Gelatine, berstend von Erinnrungen und doch keine lokalisierend, willig jeder Zucht und Steigrung, freudig wie ein edles Tier, das sich als Künstler und adlig fühlt, wenn es Aufgaben bewältigen lernt.“

Warum war Else zu ihm gekommen? Sie sagte:

„Weil meine Gedanken dorthin folgen, wo ich jemand unbrutal und verstehend weiß.“

Daß sie solchem Menschenwunsch wie etwas Selbstverständlichem nachgegeben hatte, gefiel ihm; das war die ethische Regsamkeit von Jüdinnen, die entschloßner als andre sich von geistigen Werten bewegen ließen. Stolz der Christin, sich suchen zu lassen und nicht zu offenbaren, bis der Mann um sie warb, erschwerte das Bekenntnis, daß menschliche Angelegenheiten, Nöte, seelische Interessen überpersönlich, allen gemeinsam sind; das Geschlecht wurde weniger wichtig genommen; erhob es danach seine Ansprüche, war eine geistige Fundamentierung gelegt.

Auch zwischen ihm und ihr kam dieser Augenblick. Beisammensein des Tags ward an den Abenden fortgesetzt; schon hatte sich seit jener Nacht, in der sie sein Manuskript abgeschrieben hatte, eine Gewohnheit gebildet; sie las, während er schrieb, und störte nicht. Stand sie dann auf, in ihr Zimmer zu gehn, fühlten beide, daß die unsichtbare Spinne Fäden um sie gewoben hatte, die zu zerreißen größren Entschluß kostete als, dableibend, sie bestehn zu lassen.

Aus Bemerkungen des Unwillkürlichen schloß er, daß sie diesen Augenblick bedacht hatte; sie stand allein, war ihm gut, hatte das Bedürfnis der Frau nach einem Gefährten bekannt. Aber er seinerseits glaubte die Tiefe dieser Sehnsucht, der die Melancholie des ersten Erlebnisses vorangegangen war, zu ermessen und ahnte, daß sie eine Bindung von ihm verlangen werde, die ihn, für das Mädchen, die Qualen spätrer Lösung scheuen ließ.