Er fühlte, Tag für Tag im Freien zubringend, wandernd, dem Champagnerrausch der Höhenluft ausgesetzt, so große schöne Beschwingung aller Energien, so straffen, frohen Hunger nach Begegnung, Mensch und Tat, daß er sich Auslösung nicht anders als unbeschwert durch Seelenhaftigkeit und die den Frauen teure Aussprache, Bestätigung, Feststellung denken konnte — er erkannte sich: wenn er ganz wahr war, zog er Frauen vor, die durch äußre und innre Bedingungen so selbständig waren, daß sie begegneten, ohne Häuser zu bauen. Und Else wußte es, aus dem Eindruck seines Naturells abstrahierend, er merkte es an der Wiederkehr ihres: Es ist gleich, was geschieht, dieses schmerzlichen und wagenden Fatalismus.
Während sie so, sich nachdenklich in die Augen sehend, einander zutrieben, geschah es, daß er zwei Tage das Zimmer hütete: sie wanderte allein, begegnete Stein und trat Lauda verändert entgegen.
„Als ich ihn das erstemal, mit Ihnen,“ sagte sie, „von dem Gebot reden hörte, sich zu vernichten, um einmal wenigstens Moralisches getan zu haben, ergriff es mich wohl, aber meine Gedanken antworteten ihm schon aus denen Laudas heraus. Mit ihm allein, war es, als trete ein andrer Geist in mich, ihm und mir und unsrer Rasse Gemeinsames, ferner dem Ihrigen, mitleidvoller, wissender um das jüdische Leid. Sie, Lauda, setzen ihm entgegen, was Sie sind; mir scheint es möglich, ihm den Revolver zu entwinden, indem ich mich mit ihm identifiziere.“
„Das Resultat,“ sagte Lauda, „wird gemeinsame Ethik sein, der Ethik wiedergegeben, wird er in Flammen stehender Revolutionär werden, und er wird Ihre Mütterlichkeit nicht erfüllen, denn sie ist Wunsch nach Ruhe.“
Sie verstand, wie er es meinte, nicht abratend, man muß sein Schicksal erfüllen, sehend dem Konflikt entgegengehn, vor jeder neuen Bindung wissen, daß sie, auf andre Art, das gleiche bringen werde wie die frühren. Immerhin berichtete sie am nächsten Tag:
„Vielleicht erspart er sich und mir die Abbiegung in die revolutionäre Heerstraße, wählt eine kleinre, frohere Aufgabe: wir sprachen vom Zionismus. Er fühlt, daß die Zeit naht, wo der jüdische Geist wieder Anspruch erhebt, eine der Kräfte der Welt zu sein, neue Gestaltung oder Untergang sucht.“
„Man darf annehmen,“ antwortete Lauda, „daß er sowenig untergehn wird wie in der Vergangenheit. Die Rationalen werden die Anpeitscher der Revolution werden, um durch Zerstörung der Nationen Gleichberechtigung für die ihrige zu erlangen, die Religiösen den jüdischen Kosmos zu bilden suchen. Wird ein Palästina, mit Londoner und Pariser Bankiergeld saniert, Musterfarmen und Häuser mit Zentralheizung gründend, auf enges Gebiet beschränkt, sentimental längst verstorbne Rabbiner studierend, mehr als rationalistische Angelegenheit sein?“
Sie wußte es nicht und er nicht, es ging ihn nichts an.
Er ward überflüssiger Zeuge der zwei, erinnerte sich, einen Brief vom Personal Hannahs erhalten zu haben, der nahlegte, am Brienzer See nach dem Rechten zu sehn, blieb zuvor in Zürich drei Tage, seinen Überschuß Elena zutragend, in deren Zimmer er nun doch wieder saß, fatalistisch überzeugt, daß ihm Begegnung mit der zartren und innigeren Frau nie gewährt werde, weil er sie nicht suchte — Feststellung, die tragische Koketterie zu vermeiden hatte — und hielt mit seinen Koffern acht Tage vor Weihnachten Einzug im Landhaus jenseits des Brünig.
Er fand den Knaben gewachsen, und Funken der Intelligenz in seinem Auge entzündeten alsbald eine Assoziationskette, die über fünfzehn kommende Jahre hinweg zu einem jungen Menschen führte, den er erzogen hatte. Wunsch, Erkanntes und Errungenes weiterzugeben, nahm erste Gestalt an.