„Ein Schloß sprang ein,“ sagte er, „ich habe mich in die Generationsreihe gestellt: Die Schale weitergeben, nicht auf die Barrikade rufen; Erziehung ist die wirkliche Tat, Aufpeitschen nur Über-die-Tat-reden.“

Am Weihnachtstag, in Interlaken, wo er Geschenke gekauft hatte, legte sich, als er das Abendschiff betrat, eine Hand auf seinen Arm. Hannah, durchfuhr es ihn, so hatte sie ihn auf dem Brünig berührt. Aber als er sich umwandte, sah er Assenstand, jenen Patriziersohn aus Danzig, der in Brüssel am schmucklosen Tisch dem vor Chrisanthemen auf Pergament schreibenden Dichter gegenübergesessen hatte, selbst Dichter, einer andern, herrenhaften Prägung, und Hasser der demokratisierten Welt.

Lauda begrüßte ihn froh, da sah er die Zurückhaltung im Gesicht des einst Befreundeten — Assenstand sagte:

„Ich freute mich, Sie aufzusuchen, da erfuhr ich, daß Sie die Sache Ihres Volks aufgegeben haben, um nicht zu sagen beschimpfen. Es ist mir darum unmöglich, Ihre Gastfreundschaft anzunehmen, ich beschränke mich darauf, mich meines Auftrags zu entledigen. Lassen Sie uns in ein Café gehn.“

Aber das Schiff war das letzte des Tags, und Lauda nicht auf Übernachten vorbereitet.

„Sie nehmen nicht meine Gastfreundschaft an,“ sagte er, „sondern einer abwesenden Dame, die Eigentümerin des Guts ist, Frau Graumann.“

„Und trotzdem die Ihrige,“ antwortete Assenstand, folgte aber aufs Schiff, „denn ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Sie ihr Erbe sind, ich verließ Petersburg am Tag vor ihrer Erschießung.“

Er erzählte. Er war als Dolmetscher nach Brest-Litowsk gerufen worden, im Verlauf der Verhandlungen fuhr er nach Petersburg. Man führte ihn in den Salon der Freundin eines der neuen Machthaber, Frau Hannahs. Sie stellten gemeinsame Bekanntschaft mit Lauda fest, er verkehrte bei ihr. Daß er einmal Lauda von ihr berichten werde, bewirkte, daß sie von sich sprach.

Wer in dieser Sphäre von Macht, Neid, Mißtrauen, Beaufsichtigung lebte, dem war nicht mehr erlaubt, sich zurückzuziehn. Sie dort waren auf Erfolg und Verderben miteinander verbunden, wie eine Goldjägerschar, die in den unbekannten Kontinent vordringt — kein Brudergefühl, Mißtrauen schlich um, Fieber derer die die Dünste des Bluts atmen. Aus dem Blut stiegen die Geister des Tödlichen auf und waren dämonisch Verwandlungen des verleugneten Gotts; unerbittlich, grausam, lauernd, wie sie ihn verlangten, wies er ihnen die Verschreibung des eignen Lebens vor, sie einzulösen.

„Wie die Augen der Menschen hier sind.“ sagte sie, „keiner erträgt ihren Blick, nicht der, dem er gilt, und nicht der, der ihn hat — er weiß von ihm; das unerträglich überspannte Leben haßt sich selbst darin und findet keine Erlösung, weil es kein Zurück mehr gibt.“