„Sie irren, sie würde Halbheit werden; es wird nie mehr neue sichtbare Formen des Religiösen geben, nur noch die gereinigte Idee des Verhältnisses zu Ja und Nein, die Gott nicht mehr kennt. Wie ist der Mensch? Er ist so beschaffen, daß er auch Gott stets und überall zu einem Mittel zur Befestigung seiner Machtgier erniedrigt; darum müssen wir soweit kommen, daß wir Gott weder bejahn, noch bekämpfen, sondern ganz frei von ihm sind.

In ferner Zukunft ist eine Zivilisation denkbar, die über Absolutes und Zeitliches, Bejahung und Verneinung, Idee und Tat, Geistigkeit und Materialität klare, weise, unpathetische und unsentimentale, durchdachte, bindende Vorstellungen hat. Diese Vorstellungen sind nicht mehr gefährdet durch Rückfälle in das Chaotische, weil das Chaotische nicht geleugnet, sondern als große primäre Macht benannt wird. Es ist die Verwirklichung dessen, was ich suche: eine gewisse Summe von Erkenntnissen nicht mehr untergehn zu lassen, sondern kraft der Energie und des Widerstands gegen Zeitlichkeit zu vererben.

Dem Charakter Form geben, ihm zugleich Widerstand und Einlaß des Radikalen lehren, so daß er das Maximum beider Ströme einschalten kann, wird die höchste Idee sein. Die Mutationsfähigkeit züchten, Leid durch Zersetzung vermeiden, Glück vermittels Steigrung der Kontrollfähigkeit vergrößern. Wissen ist uns noch Gegensatz zum Schöpferischen, und wir stehn ihm noch kritisch gegenüber, weil es das Ideal des Aufklärers, des Nuroptimisten ist: in der Zukunft liegt eine neue Möglichkeit, klare Energie in unmittelbares Temperament umzusetzen, eine neue Menschlichkeit, die nicht mehr wie die unsrige Feminität ist.

Es gibt kein Ja ohne Glaube an die Generation, die Kette der Geschlechter, und nirgends wird so deutlich, daß Glaube für uns nur noch gesetzter Wille ist. Insofern dieser Wille bewußt ist, genau soweit sind wir bewußt, aber nicht mehr; wir sind im Grund ebenso naiv wie die Früheren. Lehren, die nicht der Naivität neue Kraft zuführen, sind ohnmächtig.“

Am Neujahrsmorgen saß Lauda im Zimmer, in dem Helle des Schnees und Wärme der Kacheln war, und las die Zeitungen. Die deutschen brachten die Versichrung der ungebrochnen Kraft und des kommenden Siegs, die schweizerischen Betrachtung des mitarbeitenden Pfarrers, daß der Krieg Prüfung des zürnenden, gleichwohl gerechten Gottes sei; schleimige Hirne. Für ihn selbst stand der Plan des Jahrs fest, und als der Gärtner kam, seinem neuen Herrn aufzuwarten, ließ er ihn wissen, daß er bei ihm, sobald die Arbeit im Freien begänne, Lehrstunde nehmen werde. Er wollte sein kleines Reich verwalten können.

Zeit der Zürcher Wirkung war fern, als sei sie nicht gewesen, nichts blieb als Erinnrung an Energie; es würde eine Zeit neuer Wirkung kommen — dazwischen Hingabe an das Beruhigte. Wechsel der Existenz, ewige Wanderschaft, durchgeführte Naivität: sie wurden Sinn und erlaubt, wenn man sie nicht erhitzt beschleunigte und in jeder Station sich willig zeigte.

Er hörte das Dampfboot pfeifen, sah es im Geist am Gebirgsstock entlanggleiten, der wie ein Wall gegen Norden und den Krieg war, Geborgenheit zaubernde Kulisse. Er hörte das Kind lärmen, bedauerte, daß es zu jung war, um schon von Menschlichem mit ihm zu sprechen, erinnerte sich an ein zwölfjähriges Mädchen, das er bei den Streifzügen in Zürich mit einer verderbten Mutter, demnächst oder bereits kuppelnder, gesehn hatte, und sann über die Möglichkeit nach, solcher Kinder einige auszuwählen; sie mußten den wesentlichen Keim haben und ihn verräterisch in Gesicht oder Gliedern tragen; Durchschnitt und die Reizlosen interessierten ihn nicht. Gegen das Mittelmaß gerecht zu sein genügte; ihm Wärme und das Freiwillige entgegenbringen, das war Angelegenheit derer, die in Güte tiefer einzuschreiten vermochten als er. Liebe zu dem, was ist, war möglich, aber ihm nur, wenn die Urenergie in den Geschöpfen nicht verkümmert noch gehemmt war.

Das Telephon schlug an; hebend die Muschel vernahm er eine süße, von Erregung rauhe und ganz in die Ferne gerückte Stimme — Claires.

„Ich bin mit dem Schiff gekommen, rufe dich vom Gasthaus an, denn ich weiß nicht, bei wem du wohnst und ob ich dir willkommen bin.“