„Von Ihrer eignen, die sauber sich entscheidet, Feind alles Verschwommnen, unsachlich Sentimentalen. Daß Sie das Aristokratische wählten, ich das scheinbare Gegenteil, ist vom Wesentlichen her kein Unterschied. Sind Sie noch wie in Brüssel der Überzeugung, daß der deutsche Junker die Manifestation einer Idee sei?“

„Daß Radikalisierung, Zerstörung jeder Bindung durch überpersönliche Hemmungen das größte Unglück ist, das die innre Ordnung treffen kann, steht seit den Petersburger Tagen so fest in mir, daß ich nicht nur religiöse Regulative, sondern sogar kirchliche wünsche.“

„Ganz recht, man könnte mit den stärksten Gründen belegen, daß Sozialismus seinen Sinn noch nicht gefunden hat, solang er weltliche Macht werden will, daß er vielmehr ein Akzidenz, geistiges Prinzip ist, das sich mit jeder zivilisierten Staatsform verbinden läßt — er wäre also nur Kontrolle, treibende Kraft, moralischer Faktor; aber ich muß meine Frage wiederholen: glauben Sie, daß die preußischen Konservativen ein Gran der Besonnenheit und Geistigkeit besitzen, die ihnen erlaubten, die sozialen Ideen zu binden und den Deutschen das zu geben, was sie nicht haben, Charakter?

Charakter nenne ich Ausgleich zwischen der Widerstandskraft gegen den Ansturm von Ideen und der Bereitwilligkeit, diese Ideen als ernstestes Gebot zu empfinden. Das ist unsagbar fern der Gier, sich die Macht ohne Gegendienst zu sichern — bei den Junkern finden Sie nichts als diese Gier. Haben Sie je gehört, daß Junker von der Notwendigkeit der Erziehung gesprochen haben, einer Erziehung, die radikale Fordrungen, statt sie als Verbrechen zu erklären, bereitwillig, sachlich, ohne Hintergedanken verarbeitet, weil sie das Recht auf Nachdenken und Bessrungsvorschläge grundsätzlich, aus Moralität, als menschlichste Angelegenheit anerkennt?

Ziel der Erziehung ist, Charakter geben, den Mensch mit geschickten und klugen Händen zur Selbstbehauptung führen, ihn das Schritt für Schritt lehren, das keinen Augenblick Stehnbleiben sein darf. Wie sind denn die Deutschen? Überhitzte Brutale als Konservative, feig als Demokraten, Leugner ihrer eignen Grundsätze als Sozialisten, weichlich in einer gepanzerten Hülle, schwankend, verschwommen, unfähig alles Präzisen, Unbeirrbaren, Durchdachten — sie sind das Volk ohne Charakter.“

„Nun gut,“ antwortete Assenstand, „es ist zwecklos zu leugnen, daß mich der Verkehr mit den deutschen Bevollmächtigten in Brest erschreckt hat: Man hatte das entsetzliche Gefühl, daß das Schicksal den mit Hochmut füllt, den es schlagen will. Ich verglich die Idee des leitenden Menschen, der der Masse Bindungen gibt, mit ihren Vertretern: es stieg siedend heiß in mir auf. Aber ich glaube so fest an diese Idee der Führer im Staat, daß ich keinen andren Weg sehe, als den, den ich bisher wählte. Sie sprechen von Erziehung. Ich bin ein Mensch, dem Einwirkung auf andre ganz fern liegt, man muß sich selbst finden. Die deutsche Sache von heute ist meine Sache, wir sind zu weit gegangen, als daß es ein Zurück gäbe.“

„So wird ihr Zusammenbruch Sie unvorbereitet treffen; was werden Sie dann tun? Revanche lehren? Es ist gut, sich vorzubereiten, denn dann wird es nur eine Aufgabe geben: in die Charakterbildung einzugreifen.“

„Und welche Methode werden Sie befolgen?“

„Ich weiß es nicht. Es gehört mir dieses Haus. Heute nacht dachte ich darüber nach, wie gut es wäre, eine Schar deutscher Knaben aus ihrer heimatlichen Atmosphäre zu versetzen und durch eine Zahl von Menschen erziehn zu lassen, die die Katastrophe der deutschen Menschlichkeit so stark in sich erlebt haben, daß sie auf alle deutsche Tradition verzichten und sich die Grundsätze einer neuen Pädagogik selbst zimmern. Deren Taktik wäre, die innre Mathematik, man könnte auch sagen Mechanik von Ideen und Gefühlen durchforschen, ihnen allen sich öffnen und nur ein Ziel im Auge behalten: die Demut nicht Schwäche werden zu lassen, sondern mit letzter Überlegenheit zu verbinden — es wäre diese Überlegenheit der Ausgleich aus Hingabe und Souveränität, ihre schwebende gegenseitige Aufhebung. Es sind auch andre Formen der Einwirkung auf Menschen denkbar — welche ich wähle, weiß ich nicht; gewiß ist nur, daß die höchste Illusion, die man Menschen bieten kann, diejenige Einwirkung ist, die vom Individuum zur Generationenfolge vorschreitet. Die Generation ist die dem Menschen mögliche Unsterblichkeit, sie allein erlaubt, Ideen zu erfinden.“

„Ihr Ziel ist also,“ sagte Assenstand, „Charakterbildung auf Grundlage des Widerstands, aber mit Ausschaltung des Religiösen im gläubigen Sinn. Wenn Sie eine neue Bindung durch Religion fänden, wäre Ihre Idee vollkommen.“