„Hat er das Recht, dir Freiheit zu geben?“

„O Lauda, muß das zuerst zur Sprache kommen, ist dir das Wichtigste, mich zur Rechenschaft zu ziehn?“

„Nicht im persönlichen Sinn. Bot er dir die Ehe an?“

Sie senkte schweigend den Kopf. Er atmete auf, das Rohste war vorüber, wie niederträchtig war Taktik. Zu ihr gehörte, Claire beim Glauben zu lassen, ihre Beziehung zu Berger stehe zwischen ihnen.

Er gedachte der Gewissensnot, die Berger von Moltke zu Lagarde geführt hatte, und wußte, bevor Claire erzählte, daß nicht er Verführer gewesen war, sie war zu ihm gekommen. Sie begriff nicht, daß Lauda von dieser Zeit und ihrer Qual nichts zu erfahren verlangte, Gespräch darüber sanft ablenkte. Als sie ruhig geworden war, führte er sie darauf zurück, und Freunde besprachen seelische Dinge; Aussprache war Schmerz, doch nicht Leidenschaft; sie hatten die Form gefunden, unheftig ihre Gefühle auszubreiten.

Eine Woche verging, da begann er zu ahnen, daß Claire sich diese Form aneignete wie ein von Krankheit Aufstehender, der Schritt für Schritt wieder gehn lernt: er hat sein Ziel, nähert sich ihm zäh. Sie paßte sich an, verzichtete nicht darauf, von ihm das Bekenntnis seiner selbst zu erlangen. Sie kreiste ihn unmerklich ein, sie war in diesem Jahr bewußter geworden. Auch herber. Herb war, wer sich zu fragen begann, ob sein Einsatz an Bereitschaft belohnt wurde. Er sah, daß sie zu dem Kind freundlich war und es doch lästig empfand — versteckte Feindschaft. Zu Anfang hatte er ihr vorgeschlagen, Aufsicht über den Haushalt zu übernehmen, und betroffen, im Verkehr mit Köchin und Mädchen, eine neue reale Seite an ihr kennengelernt, deren Folge Gespanntheit im Haus war.

Mißgriff ward rasch dadurch beseitigt, daß sie wieder nur Gast war, aber es blieb die Erkenntnis, die, festgestellt, so selbstverständlich war: daß die Frau nur in ihrer Liebe unkleinlich, ganz bereit, ganz liebenswert war. Und die Idee Claire durch die Claire der Wirklichkeit, die frohe Möglichkeit durch den Alltag modifizieren zu müssen, weckte nochmals das schmerzhafte Bewußtsein, daß es an ihm gelegen hatte, der Frau den zärtlichen Duft des Mädchens zu bewahren. Es tat weh festzustellen, daß sie älter, bestimmter und auf ihre Interessen bedachter geworden war, eingeordnet in die Reihe der Vielen — Schicksal, Gesetz und Notwendigkeit. Es betraf nicht Claire allein, sein Wissen um Frauen vermehrte sich um eine Einsicht, ihm fremd gebliebne: der Weg jeder Frau senkte sich den Niedrungen des Alltags zu.

Es heftiger aussprechen, mehr als leises Bedauern empfinden, war nicht erlaubt, nur Tölpel nannten, was im Geschlecht der Frau lag, Minderwertigkeit. Auch Eifersucht gehörte dazu, von der jede Frau überzeugt war, daß sie Geschlechtsmerkmal sei, doch überwunden von ihr. Claire verlangte von Hannah zu hören; was war natürlicher, als daß sie die nicht verwand, die ihr Kind Lauda hinterlassen hatte.

An der Stelle, wo er Hannah aus dem Felsspalt befreit hatte, sagte Claire:

„In Brüssel sagtest du eines Tags zu mir: ‚Heute nacht, als ich ans Bett trat und dich schlafen sah, dachte ich, es wäre schön, so immer durch alle Jahre den einen Mensch zu sehn, vielleicht von ihm getrennt, durch Schicksal, Abwesenheit, freiwillige Trennung, stets doch mit ihm sich treffend, um ihn wissend, solang bis Alter Unruhe löscht und letztes Gleichmaß kommt.‘ O Lauda, das grub sich in mich ein und es ist kaum ein Jahr her. Was bleibt heute von Worten, die ich damals nicht als Worte empfand? Die Schlafende wird dich nie mehr zu gutem Entschluß rühren und Alter wird uns nicht gemeinsam sein. Letztes Gleichmaß wird nicht mir zugut kommen, die dann die spärlichen Briefe, die du schriebst, mit mattem Herzen liest, denn auch sie erwiesen sich nur als Worte.“