„Also ist auch Ehe Dämonie?“

„Ganz recht, die kleine.“

Sie schwieg, er wandte sich langsam zurück, stieg abwärts. Sie folgte ihm, nahm seinen Arm und — war heiter. Er empfand wie sie und sah die Gefahr. Heiterkeit war nicht Abschluß, nur Befreiung durch Aussprache, Überblick vom Punkt aus, an dem sie jetzt standen. Und bevor sie das Haus erreicht hatten, merkte er in ihr das Sinnen dessen, der die ihm gebliebenen Kräfte sammelt.

Das war der Augenblick, von dem geschrieben stand, daß am Ende aller Begegnungen, der vertrauten, gequälten, haßerfüllten sogar, die Umarmung stand, Aufhebung des Wühlens im Wort und des Bewußten. Vielleicht dachte sie daran, daß er es einmal ausgesprochen hatte. Er begann am Abend mit Absicht von Berger zu sprechen.

„Ich konnte,“ sagte sie, „ihn nur mit deinen Augen sehn. Die benennenden Worte fehlten mir, ich fühlte nur: sein Zustand des geistigen Menschen war anders als deiner. Denken hieß ihm, Bücher von der Bibliothek nach Hause tragen, mit grübelnder Falte sich in sie versenken. Dann kam, was er Verarbeitung nannte, und es war oft Vergleichen mit dem, was wieder andre geschrieben hatten. Ernst um ihn gab mir seltsame Wünsche ein, die wohl der Frau eigentümlich sind: ihn zu stören, seine Ideenreihungen zu verwirren. Ich wußte nicht, ob es boshaft war oder Wiederherstellung der von ihm vergeßnen Welt.

Dann besiegte er mich jedesmal, weil er mir von dem erzählte, was ihn beschäftigte. Er glaubte inmitten alles Verhärteten und Hochmütigen, das grauenhaft im Krieg geschah, so unerschütterlich an das Gute, daß man fühlte: auch das ist Wille, Männlichkeit, Widerstand. Und diese Güte war in ihm selbst. Er sprach nie gegen dich, aber er ließ mich fühlen, daß er dein Schweigen verwarf. Ich konnte mich öffnen, und selbst die Anfechtungen der Enthaltsamkeit wurden menschliche Angelegenheit — nun war es wie bei dir.

Es kam ein Abend wie dieser, warm durch Ofen und Licht, von Regalen umstellter; ich ging nicht, wollte die Tat tun, damit sie vorwegnehmend den Zustand schuf, dem sie folgt, wenn sie natürlich ist; an diesem Tag war die Nachricht gekommen, daß du durch deine gewollte Tat nie mehr zurückkehren werdest. Wie war ich in so erzwungner Sinnlichkeit matt. Er sah nur die Entfeßlung, es war dann durch Tage Scheu in ihm vor dem Körper des Weibs, als habe sich ihm ein unreines Geheimnis enthüllt; er nahm mich an der Hand, begann mich einer ruhigen Innigkeit zuzuführen, in der Umarmung nur Vertrautheit ist.

Wie wenig stark wir sind; gewähren wir Zeit, formt uns jeder Mann. Als ich die Wandlung fühlte, floh ich, zwischen die Männer Gestellte, jeden in mir tragend, hilf mir.“

„Helfen kann nur, wer sich selbst anbietet oder ganz ausschaltet. Mich ausschaltend wäge ich Berger und Lauda ab und weiß: bei jenem ist die Sicherheit, die Treue und das Angebot, Gefährtin der geistigen Arbeit zu sein. Bei mir ist nichts als Begegnung auf Zeit. Du bist mir nah, die milde Stunde bringt Sehnsucht nach deiner Liebe. Ihr nachgeben ist schön, aber morgen früh wäre jeder Schritt, der dich befreite, rückgängig gemacht, Gewinn eines Jahrs zerstört. Ist sich begegnet sein nicht genug, vermag der Mensch nicht so stark zu sein, daß es genug sein könnte?“

Sie kniete neben ihm, sah ihn mit tiefen Augen an: