Das Warme, Schöne, Zärtliche; das Erregende, Dunkle, die sinnliche oder seelische Kommunion, die eine Frau gibt — es liegt theoretisch in allen, praktisch in unendlich vielen. Die einzelne Frau wird Symbol, Statthalterin. Dieselben Kräfte, die in ihr sind, bei den andren zu übersehn oder sich zu verbieten, wird unmöglich in dem Maß, wie die Einsicht in jene Brüderlichkeit der Existenzen wächst; bricht sie zum umfassenden Weltgefühl durch, schwindet auch das Individuelle der einzelnen Geliebten; höchste Gerechtigkeit wird Ungerechtigkeit gegen die eine. In diesem Sinn lockt mich nicht mehr das Persönliche, nur noch das Geschlecht.

Und da jede Zunahme an Geistigkeit, wenn sie echt war, auch eine Zunahme an Sinnlichkeit ist, so wird unvermeidlich, daß ein solcher Mensch in einem den andren unverständlichen Grad die Lust kennt, neben der einen Frau den Schwestern zu begegnen. Es will verstanden sein; die Lust ist das sinnliche Symptom einer geistigen Feststellung, und diese ist so tief fundamentiert, daß ihr Träger sich als Lügner vorkommen müßte, wenn er der einen Frau sagte, sie sei ihm alles.

Stärker mit jedem Tag wird mir der Widerwillen, im absoluten Denken das Totalitätsgefühl, dieses Umfassen alles Lebenden, zu entfesseln, und es im Praktischen zu unterdrücken. Im Totalen schwingen ist Naivität, die Ehe hemmt sie — sie sind unvereinbar. Hier ist der Punkt, wo ich mich zuerst hart zu sein zwang, dann hart sein konnte: nicht das tun, was alle tun, den Kompromiß schließen, schon geschlossnen rückgängig machen. Viele unternehmen Vorstöße in die Erkenntnis, fast keiner geht zu Ende; der seltenste Mut ist, nicht zurückzukehren.“

„Sublimierter Egoismus,“ sagte sie matt.

„Dein Recht, so zu sagen, und doch nur Feststellung des Geopferten. Es ist nicht gut, Bekenntnis in diesen letzten Dingen zu erzwingen, weil der Bekennende seinen Egoismus mit dem Hermelinmantel des höheren Rechts auf Egoismus drapieren müßte. Laß mich es anders sagen. Als ich dich am Steg in Empfang nahm, dachte ich nicht an mich, sondern an dich. Leid kann ich dir nicht ersparen, aber es kürzen. Es ist Konstruktion, an die schöne Kammlinie der Höhepunkte zu glauben, sie genügen nicht, jedes Geschöpf will Dauer, es will Sicherheit und im Tal wohnen. Solcher Konstruktionen werden im Tag fünfhundert gemacht, Verabredungen tausend getroffen, weil schon gewonnene Erkenntnis überdeckt wird. Sie nicht überdecken, ist neue Moralität, des Mathematischen.“

„In das ich dir nicht folgen kann.“

Er fuhr fort:

„Weshalb nicht? Es ist nicht so schwer. Du verstehst, wie die Kirche dazu kommen konnte, dem Priester die Vermischung mit der Frau zu verbieten, oder wie religiöse Menschen sich die absolute Enthaltsamkeit auferlegten: weil die Frau in die reinliche, ewig mit sich selbst identische Rotation dieser Menschkosmen eingegriffen hätte. Nimm jemand an, der zwar nicht mehr religiös im Sinn des Kirchlichen, gleichwohl von ihrem Blut ist. Da er das Geistige soweit vortreibt, daß es sich mit dem Sinnlichen wiedervereinigt, kann er nicht mehr asketisch sein, aber er wird die Bindung durch die Frau vermeiden, die in diesem Zusammenhang Bindung mit der Sphäre des Geschehns, des Irdischen, Nurmanifestierten, Sozialen ist.

Wiederum, man soll dieses nicht breittreten, noch zum Programm erniedrigen. Es für einen Augenblick tuend darf ich sagen: wessen Anschauungsform die des Totalen ist, so daß er neben dem einzelnen Geschöpf die Summe aller andren sieht, kommt, soweit er sinnlich ist, dem Inzest nah; das, was vom Geist her umfassende Liebe ist, wahrhaft katholisch und demokratisch, wird von den Sinnen her Schamlosigkeit — sublimierte, dürftest du wiederum sagen.

Du weißt nicht, wie oft ich am Eingang der Askese stand. Sie ist nicht der Aufhebung fähig, zwingt finster zu werden, nicht heiter zu bleiben, wird Dämonie. Behaupte dich gegen Dämonie, das ist Lauda, dein Freund.“