Wenn die Menschen über Wert oder Unwert der Ehe diskutierten, bejahten oder verneinten sie immer bedingungslos; aber Nein und Ja waren nur relative Wahrheiten; nur Aussagen über das einzelne Naturell waren erlaubt, in allen irgendwie gearteten Problemen der praktischen Sphäre.

Durch Bergers Anwesenheit verschob sich die Konstellation der handelnden Personen, Claire stand nun von Lauda entfernt, Lauda einsamer und fester; er war der, der Gäste bewirtete.

Claire sah ihn bisweilen verwirrt an, schmerzhaftes Starren und brennende Erinnrung; ihm begannen sie schon Ehepaar zu sein, das gemeinsam auftritt, Phalanx verbündeter Interessen — unmerklicher Überdruß des Fremden vor solchem Bündnis. Da sagte Claire zu ihm:

„Ich fühle, was in dir vorgeht. Bist du nun der, der nicht durchführen kann, was er selbst begründete? Würdest du billigen, daß ich übergangslos von einem zum andern wechsle? Ich finde es vor mir selbst nicht abstoßend, daß ich wechsle, nur unsagbar seltsam; es ist, als sähe ich eine Unzahl von Stationen vor mir, endlos wie gespiegelte Türen, durch die man einen Pfeil schießen könnte — sind sie alle durchwandert, wird die Wandlung vollzogen sein. Ich weiß nicht, ob es niederziehend oder tröstend, ob es Güte der Natur oder vernichtende Aussage über die hohe Idee der Liebe ist.“

„Es ist tröstend und Güte,“ antwortete er, „schiebe die Zwischenglieder ein, verweile bei allen, und jede für undenkbar gehaltne Mutation ist möglich.“

„Verstehst du, daß mir der Wunsch, reinlich Entfernung zwischen uns zu legen und in den Tagen bis zur Abreise dich zu meiden, als armer Stolz erscheint, über den wir hinausgeschritten sind?“

„Lebte Hannah, wäre es mir ebenso natürlich erschienen, zwei Frauen, die beide mir Freundin sind, miteinander bekannt zu machen. Natürlichkeiten neuer Art kann nur schaffen, wer die alten der Eifersucht und des mißtrauischen Stolzes nicht mehr anerkennt. Haß, verwundete Würde, die Skala der Leidenschaft, das ist gut genug für französische Stücke, die der Tragödin, rollenfressendem Tigerweibchen, auf den Leib geschrieben sind. Das Tragische wird eines Tags so bombastisch und dumm sein wie jenes Drama Hebbels, in dem Vater, Tochter und Liebhaber Ehre wie Leben verlieren, weil das Mädchen ein Kind bekam. Überlegenheit, die das Schicksal gestaltet, wird auch ein neues Glück gestalten: Mensch stärker als die Leidenschaft.“

Berger bedauerte, seine Arbeit nicht mitgebracht zu haben, Darstellung der Wandlung des Offiziers zum religiösen Reformer. Lauda bot ihm Schreibtisch, Papier, eignes Zimmer; es erwies sich, daß Berger das Manuskript fehlte, Ablauf der Gedanken war abgebrochen, Abbruchstelle nicht gegenwärtig.

Wie verschieden Denken sein konnte, es arbeitete dieser auf der Geraden, er, Lauda, aus dem Kreis vorstoßend; was man auch an Erkenntnissen fand, es war ihm nur Variation der Grundanschauung, so daß er in welcher Situation immer nichts nötig hatte als Heft und Stift — ausgesetzt in der Südsee hätte er nicht anders gedacht als im Land der Philologen; er vermochte auf Stimmung und die Bedingungen der Vorbereitung zu verzichten, schrieb nur sich selbst.

„Sie sind zu deutsch,“ sagte er Berger, „das war auch die Beschränkung Lagardes. Ein Deutscher kommt immer von den Büchern der Vorgänger her oder von der Billigung des deutschen Kosmos; auch Sie lassen Heer, Kaiser, Ständegliederung darin, wollen sie nur ethisch vertiefen. Was ist der ethisch vertiefte Offizier? Etwas Undenkbares. Ethiker kann nicht Offizier sein, löst die Seelen von der Verpflichtung des Staats.