Sie sind auch zu protestantisch. Der protestantische Reformer ist ein Unding, nicht nur, weil Protestantismus die Ausliefrung des Religiösen an den Staat ist, so daß protestantische Geistliche nichts andres genannt zu werden verdienen, als vom Staat eingesetzte Beamte, dessen gute Beziehungen zum lieben Gott zu pflegen, sondern auch, weil Protestantismus wie sein Halbbruder Sozialismus, im Gegensatz zum Katholizismus, ganz unpessimistisch ist, dem bedingungslosen Ja des Irdischen, des Tuns, der Pflicht zu leben, nichts von dem Vorbehalt entgegenstellt, der das Wesen des Religiösen ist.

Der Pflichtbegriff Kants ist unhaltbar geworden, der deutsche Moralismus strahlt keine irrationale Vitalität aus, alle Erziehungsreformen, die auf Pflicht und Moralität sich aufbauen, sind matt. Wer der Erziehung neue Wege weisen will, muß vom Widerstand gegen diese deutschen Begriffe ausgehn, sie ihrer Absolutheit entkleiden; der Zentralbegriff alles künftigen Denkens wird Relativierung heißen und im Ethischen Ausgleich zwischen Ja und Nein sein.

Es ist nicht schwer, die Katastrophe des deutschen Denkens vorauszusagen. Sollten sie siegen, was nicht sein darf und nicht sein wird, würden sie blasphemisch die Lehre des Tuns zur Unerträglichkeit steigern; verlieren sie den Krieg, werden sie in ihrer Feigheit, die nicht die Verpflichtung kennt, sich der Entwicklung zu öffnen, Wiederaufrichtung des Alten fordern. Wer diese Nation erziehn will, darf nicht mit ihr gehn, er muß gegen sie stehn.“

Als die Formalitäten erfüllt waren, rüsteten sich Claire und Berger zur Reise.

Lauda begleitete sie nach Zürich. Es kam der Augenblick, wo er Abschied von ihr nahm, belastet durch Rückerinnern, scheuend vor der Frage, ob es erlaubt war, das Natürliche durch Eigenmächtigkeit umzuformen, dann zog der Zug an, und Unwiderrufliches war geschehn.

Ihre Augen brannten noch in ihm, er ging schwer denselben Weg, den er am Tag seiner Ankunft gegangen war, zum See. Kein Silber flammte, nüchterner Tag. Es galt, Dinge zwischen sich und sie zu bringen, er suchte die Bekannten auf. Er fand Hans in Erregung, es war aufs Bestimmteste die Nachricht gekommen, daß Picasso in Paris zum Gegenständlichen zurückgekehrt war und herausfordernd akademisch, betont konventionell malte, scharfen Kontur setzend; bereits hatte ein Schweizer Aufnahmen gemacht, kein Zweifel war mehr erlaubt.

Wird er Widerstand leisten oder die Weichen in sich herumwerfen? dachte Lauda; stählt es ihn, allein auf dem ungewissen Weg weiterzugehn, oder ist das Bedürfnis nach Kampfgenossen stärker? Er fühlte, wie in den Kosmos des Freunds der Stab der Verwirrung gestoßen war, Rotation gestört und der Gedanke an gänzliche Umschichtung, parallel zu der Picassos, erregt umkreist wurde. Er erinnerte sich der starken Zeichnungen nach Körperakten, die er aus früheren Perioden des Freunds gesehn hatte, und sagte:

„Nach dem Gesetz des Gegensatzes werden Sie zum Körperlichen zurückkehren, wie Lisbao eines Tags feststellen wird, daß es unhaltbar ist, mit dreißig Jahren noch den Weltekel des Dreiundzwanzigjährigen zu verkünden. Extreme schlagen um, weil Nein in Ja umschlägt, das Ja automatisch das Nein auslöst. Gleichmäßig, stark, unerschütterlich ist nur, wer über seinen Extremen steht, indem er sie zu Vorgängen in sich macht, wie Sommer und Winter wechseln. Ich versandte heute das neue Stück, das ich geschrieben habe, Rückkehr zur Illusion von Wirken und Arbeiten.

Es ist im Großen dasselbe, was sich im Kleinen jede Nacht begibt: ein Tag endete mit solchem Überdruß, das Treiben mitzumachen, daß man sich wie zum Nichtmehrerwachen ins Bett legt — am nächsten Morgen erwacht man frisch und hat ihn, den Appetit der Kolonie von Raubmonaden, deren Summe man ist. Jeder Müdigkeitszustand ist so natürlich wie dieser Hunger, und die Einheit der Persönlichkeit besteht nicht, wie deutsche Moralisten glauben, darin, daß man den Widerwillen unterdrückt und den Hunger in Ethos fälscht, sondern in der Fortdauer des Kosmos, der die Phänomene seiner Aggregatzustände erduldet, wie Landschaft die des Himmels.“