Puck kam, um Hans vorzuschlagen, er möge seine jüngste Arbeit illustrieren, die Groteske vom Fleischseelenmenschen.

„Ich will es an Ort und Stelle erklären,“ sagte er und führte die Freunde in eine Seitenstraße des Geschäftsviertels, wo in der Hinterfront von Warenhäusern und Bankpalästen ein altes Fachwerkhaus sich erhalten hatte. Er zog sie an die Gitterfenster, sie sahn eine Halle mit Schlagschatten, düstren Ecken; Männer mit nackten Armen standen über Tische gebeugt, Bewegung wie von hobelnden Tischlern, aber das Gehobelte spritzte Blut.

„Sie schneiden und häuten,“ sagte Puck, „schinden und säbeln, seht Ihr an den Wänden die senkrechten Parallelen? Es sind Leichname, die Rippen glänzen, das Nierenfett leuchtet gelb wie Honigballen von Eingeweidebienen. Es ist eine Roßschlächterei; aber späht schärfer hin: darunter wird eine Stunde der Inquisition sichtbar, Henkersknechte beugen sich über Liegende, wühlen darin. Warum arbeiten sie in so düsterm Licht? Ich weiß den Grund: in dieser Halle wurde in der Tat einst gefoltert, es ist der Geist des Baus, der ihnen die Atmosphäre schafft.

Hier bringe ich Stunden zu, während ihr im Café sitzt; gegen Zahlung einer Runde lassen sie mich zuschaun. Sie glauben, ich sei ein Sadist, der sich aufs Kinderschlachten vorbereitet; ich lächle und sie sehn nicht die Verzerrung des Munds. Hier läßt sich alles empfinden, was vom Mensch zu sagen ist, er atmet nicht Luft, sondern Dunst des Bluts; er ist Methodiker, er zerreißt nicht, er schneidet. Ist es denkbar, daß es Leute gibt, die ihren Achtstundentag damit füllen, Mitgeschöpfe zum Kochen fertigzumachen? Ein ganzer ehrenwerter Stand tut ein Lebenlang nichts andres, und die Meister sind Gemeinderäte.

Von hier gehe ich in die Metzig am Quai, wo das Fleisch für die gehobnen Bürger bereitet wird, es liegen gebrühte Köpfe, Kutteln, Lungen. Dort sind auch Fleischerinnen, blühende Mädchen, schwellend vor Sinnlichkeit, die sie aus braunen Augen gratis verschleißen — man möchte sie über den blutigen Ladentisch legen, das bekannte Spiel mit ihnen zu treiben. Die Dame kommt, ein Stück zu kaufen, und aus dem Schlachthaus geht sie zu ihren Kindern und ist gut zu ihnen.

Nachts träume ich von einem Planet, auf dem der Mensch die Rolle des Tiers übernommen hat, man hängt junge Mädchen geöffnet ins Schaufenster und weiche Brüste sind gesucht; Hirn wird gewogen und enthaarte Köpfe stehn in Reihe. Das Epos schwillt, ich habe den großen Stoff gefunden, der das Erhabne enthält, den Triumph des Lebens und die tragende Lüge. Zwischen der Kannibalenszene des Anfangs, wo man mit Knütteln zermalmt, und dem Salon, wo man Lende des Bruders Tier verzehrt, über die Dinge des Geists diskutiert, ist alles enthalten.

Das Thema ist so ungeheuer, daß mir manchmal der Schweiß vor Angst ausbricht, daß ich nicht in jedes Kapitel die schneidende Lustigkeit, die unsagbare Mischung von Grauen und tanzender Befeurung bringen könnte.“

„Ich schenke dir einen Beitrag,“ sagte Hans, „den ich in einem Buch gelesen habe. In Südamerika schneiden Wilde ihren Feinden den Kopf ab und zermalmen ihn durch vorsichtige Schläge so geschickt, daß die Haut unverletzt bleibt. Sie schrumpft danach in der Sonne zu der Größe eines Apfels ein; indem sie eine Schnur durch den Rand ziehn, machen sie einen Beutel daraus, darin sie Geld und Kleinigkeiten bewahren. Man geht dort mit diesen Gesichtsbeuteln zu Markt, siehst du sie an den Schürzen hängen?“

„Famos,“ antwortete Puck, „es leuchtet mir nur eins nicht ein, daß Kannibalen Geld verwahren, sie müßten schon Zivilisierte sein.“

„Wie alle Kannibalen,“ dachte Lauda, „Kannibalismus ist religiös, Ausfluß des Totalitätsgefühls. Statt den Bruder zu lieben, frißt man ihn, es ist durchaus dieselbe Kommunion, dieselbe Aufhebung der Vereinsamung durch Einzelexistenz.“