Sie wandten sich zur Stadt, da kam ihnen Lilian mit einer Dame entgegen und übersah sie, Gruß ablehnend. Puck sagte:

„Die Begleiterin liefert die Erklärung. Es ist eine verheiratete Amerikanerin, die mit ihrem europäischen Mann in Geschwisterehe lebt, das Fleisch ward verworfen. Sie verbietet Lilian Umgang mit uns. Aber glauben Sie, daß sie dieselbe ist, die Obrecht in Christian Society unterweist, die von Problematik durchseuchte Puritanerin den inbrünstig Religiösen?

Welch ein Hexensabbat ist das Treiben der Existierenden. Jeder einzelne, der unter der Sonne atmet, ist eine Brutstätte, in der Ideen, Stimmungen, Triebe, Gefühle und Gebote unaufhörlich, ohne eine Sekunde auszusetzen, die perverseste Unzucht miteinander begehn; es mischt sich das Heterogenste, der Fülle von Mißbildungen ist kein Ende, und das alles schwimmt in einem Schleim, der dem innersten Schoß des Egoismus entfließt und sich klebrig Ethik nennt.

Gott sei dem gnädig, der wirklich ethisch ist, er müßte sich mit Dynamit in die Luft sprengen, um der Qual zu entgehn — Beweis, wie dumm und dumpf das Hirn eines Ethikers organisiert sein muß. Mir wächst — ich stehe dem Phänomen hilflos gegenüber — mit jedem Tag die Kraft des Lachens, was mit andren Worten heißt, daß ich in das Schamlose hineinwachse. Das befreiende Lachen, von dem sie reden, ist das Sprungbrett, das der Egoismus uns unter die Füße schiebt. Unser aller Lebensbaum wurzelt in einem Schlangennest — manchmal fühle ich sie körperlich sich regen und finde mich damit ab, wie einer sich damit abfindet, daß er Trichinen in sich hat. Halloh, da kommt Siriwan, jagend in der Stunde, wenn die Läden sich leeren und die Kokotten vom Berg steigen. Er wählt eine andre Methode, sich abzufinden, und treibt die Weiber dem ewigen Dämon zu.“

Lauda aß mit Siriwan zu Nacht, erzählte von Pucks Definition.

„Ich bin heute vierzig,“ sagte Siriwan, „und fühle schwer die Luft über mich streichen, die mit den Erkenntnissen des fünften Jahrzehnts beladen ist. Wissen Sie etwas von den Begierden, die in ihm in Männern und Weibern brennen? Sie zu erforschen wird Inhalt sein, ich kenne keinen andren mehr. Es findet nicht Ihren Beifall? Es ist gleich.

Zu Hause liegen die Bücher, aus denen sich rekonstruieren läßt, welch ungeheuerliches Bordell die Vergangenheit gewesen ist. Sieht man näher zu, gibt man sich die Mühe, die Menschen aufzusuchen, so zeigt sich, daß auch die Geschichtsschreibung der Gegenwart sich lohnt. Ich wittre aus den Jahren, wenn der Krieg zu Ende sein wird, noch Stärkres, Vergangenheit wird übertrumpft werden. Mein selbstgewolltes Ziel steht fest, ich will der Historiograph dieser Zeit sein. Reisen nach Brüssel, Genf, Berlin, Paris und in das ungeheuerliche Rußland, dessen Rasereien durch ein Jahrtausend ich jetzt lese. Bis dahin ist Zürich Vorbereitung, anerkennenswert, nicht übel.

Erinnern Sie sich der Alten, die keinen Schritt ohne ihr zwölfjähriges Mädchen machte, dasselbe, das Sie rührte? Sie vermuteten zuerst, sie hüte das Kind, dann kamen Sie der Wahrheit näher, daß der Weg zur Tochter über sie geht, aber die ganze Wahrheit ist, daß der Mann, der mit dem Mädchen allein zu sein glaubt, sich zwei Frauen gegenüber sieht und eine Perversion der Gleichzeitigkeit erlebt, die in der Alten nach dem Taumel eine wahrhaft stürmische, ekstatisch röchelnde Zärtlichkeit zu der Kleinen entzündet. Die Wege, die der Mensch zur überindividuellen Kommunion findet, sind phantastisch, und je sinnlicher sie sind, desto tiefer sind sie.“

„Es kommt auf das Gehirn an,“ antwortete Lauda, „das sie feststellt. Es wäre mir unmöglich, an ihre Erforschung Jahre zu wenden, wie Sie planen, weil nichts mich überraschen kann, während die Art, wie Sie sich ihr widmen, nicht Feststellung ist, sondern Ihrerseits Abhängigkeit von der Dämonie dieser Dinge verrät. Es ist nicht die ganze Wahrheit, was Sie sehn, es ist nur die halbe. Der Baum ist nicht beschrieben, wenn Sie seine Wurzeln ausgegraben haben.

Man soll nicht sagen, Laub, Krone, Blüten seien Manifestationen der Güte, denn sie wachsen in der Tat aus der Wurzel, im Schlamm. Gleichwohl gibt es neben der primären Sinnlichkeit die transformierte, Wille, Idee, und das weite, schöne Reich der Geistigkeit; es gibt Denken und Wissen durch Unmittelbarkeit, es gibt die Einheit des Ichs, die um so energischer, freier, reflexionsloser wird, desto ungehemmter die Verbindung zwischen Wurzel und Krone ist.