Die Begierden eines Jahrzehnts? Man muß neben ihre Dämonie die Kraft zur Undämonie setzen. Wer die Dämonie nicht kennt, ist nur ein Rationalist, seßhaft im Tun; wer nicht stärker bleibt, nur ein Fanatiker, unter dem Griff Stammelnder. Militarist und Literat, wo Sie in dieser Zivilisation hinschauen, ist jeder das eine oder andre, vergewaltigend männlich oder vergewaltigt ethisch, Mensch durch Ausgleich keiner.“

Er kehrte ins Hotel zurück und lag in folgendem Traum.

Er lebte mit Claire, matt alles; der Tag setzte sich aus hundert Handlungen zusammen, und er wußte: sie sind ihr alle Symbol der Liebe, Werben der Zärtlichkeit, Bereitschaft. Er wußte es und konnte es nicht erleben, er wollte und der Wille genügte nicht, der Schluß aus der Handlung auf das Motiv genügte nicht; er ging neben einem andren und schwang nicht in ihm. Er fand sie mit den Augen schön, aber der Wunsch blieb aus, sie zu berühren, er mied sie.

Er erhielt eine Sendung, öffnete sie, es lag eine Oblate darin. Claire sah ihn mit tiefen Augen an, brach die Oblate, reichte die Hälfte. Er aß, ein Sturm ging durch ihn; er wußte wieder alles von ihr. Zehnmal etwas für ihn tun von den kleinen Dingen des Tags, war zehnmal frohe Liebe, weil es Gewißheit war, daß sie in alle Jahre bei ihm sein werde. Zeit vor sich haben, gab das Vertraun; an ihrem Ende stand eine schöne alte Frau und ein weißhaariger Mann. Das war ihr tiefster Wunsch, alt mit ihm werden.

Er legte den Arm um sie, und lächelnd nahm sie das stumme Versprechen. Es gab nur eine mordende Sünde, das Kind in der Frau nicht verstehn, das nicht die Kraft hat, allein zu sein. Sie nannte ihn gut, weil er es wußte.

Ende

Von Otto Flake erschien bei S. Fischer:

Das Mädchen aus dem Osten
Zwei Erzählungen

Schritt für Schritt
Roman. 9. Auflage

Freitagskind
Roman. 7. Auflage