Es kamen wohl viele Düfte aus dem tiefen Kelche dieser Blume, wie es viele Arten Sehnsucht gibt. Dufteten diese Worte von des Lebens Seligkeit nicht nach Rosen, und wußten sie nicht von der Liebe heißen Lippen? War es nicht herb und doch betäubend, zu empfinden, daß Macht in ihren Händen lag? Daß nur die Frau der Welt die Kostbarkeiten bringen kann, die des Lebens Seligkeiten schaffen?! Und waren da nicht auch die Tiefen ungewisser Dinge, vor denen man ein süßes Grauen empfand ...?
Von diesen Sehnsüchten blieb keine bei Julie. Eine andere kam, leise und zaghaft, das Dämmern aufzuwecken, in dem die Empfindungen der Jungfräulichkeit geträumt hatten: die Sehnsucht nach Mütterlichkeit.
In diesem neuen Empfinden waren Schmerz und Glück so nahe beieinander, daß es eine Ruhe wurde, die sanft über die Augen strich. Und Julie stand mit andächtiger Scheu, wie vor etwas Heiligem. Aber sie war keine von denen, die träumend stehenbleiben. Ihre Gedanken gingen weiter.
Ellen Key fährt an jener Stelle fort: »Sie wird mit klarem Blick und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl den Vater ihrer Kinder wählen.«
Julie hatte diesen Gedanken noch nicht bewußt ergriffen, aber ihr Empfinden mochte wohl schon auf ihn lauschen.
XIX
Generationen hindurch waren Professor Stockmanns Vorfahren Geistliche gewesen. Von Hause aus derbfäustige Naturen, hatten sie schon im Dreißigjährigen Krieg den Protestantismus mit Begeisterung verteidigt. Dies war ihre gesündeste und beste Zeit gewesen. Denn der empfindsame Augenaufschlag des Pietismus, der ihr folgte, war nichts für ihre einfachen Augen. Diese Augen waren nicht scharf genug, um Empfindung von Phrase zu scheiden. Und so hatte sich der Väter Überzeugungstreue in ein Gewirr unklarer Gedanken und verwaschener Gefühle gewandelt, und die persönliche Tat des protestantischen Bekenntnisses war zu einer leeren Tradition geworden.
Diese Tradition machte man in der Familie nun zur Grundlage einer Erziehung, die heute kaum anders war als vor zweihundert Jahren.
Es war System in dieser Erziehung. Die Bilder an den Wänden, Porträts von Francke, Spener, der Christuskopf von Guido Reni, die vergilbten Photographien von Werken der Nazarener redeten dieselbe eindringliche Sprache wie Morgen- und Abendandachten, Bet- und Bibelstunden. Es gab keine Gespräche, die nicht mit geistlichen Betrachtungen gewürzt gewesen wären, keinen Entschluß, bei dem man vergessen hätte, zu prüfen, ob er Gottes Wille sei. — Den Dingen der Welt stand man mit der uneingestandenen Feindseligkeit und dem Argwohn der evangelischen Milde gegenüber. Man war tolerant; aber man wußte, daß durch eine Falte der Stirn, durch geschickt eingeschaltete Nebensätze eine Verurteilung schärfer ausgesprochen werden kann als durch gehässige Rede. Man verehrte die Kunst: aber sie mußte an den Stufen von Gottes Thron stehen. Man sah die Kunstwerke unter evangelischem Gesichtswinkel, man hörte die Musik zur Ehre Gottes.
Dieses Erziehungssystem bemächtigte sich ihres Lebens derart, daß von persönlichem Religionserlebnis, von religiöser Sehnsucht längst nicht mehr die Rede sein konnte; vielmehr durfte man sagen, daß den Stockmanns der Protestantismus in Fleisch und Blut übergegangen war. Unter dieser Voraussetzung war es zu begreifen, daß die Jungen schon mit zwölf Jahren ihre festen Ziele hatten, und daß aus ihnen Menschen wurden, die niemals mit Scheu vor den Fragen des Lebens stehenblieben, die weder den heiligen Ernst des Suchens, noch das Glück des Findens kannten. Es kamen freilich Tage, wo des Lebens Sturmwinde heransausten, morsche Stämme zu brechen und Platz zu schaffen für junge Bäume, die stark werden sollten. Da wäre Gelegenheit gewesen, einmal aufzuräumen, einmal nachzusehen, was des Wachsens noch wert wäre, und der Schößlinge zu achten, die heimlich aus dem Schutt herauskamen.