Aber das taten die Stockmanns nicht.
Hatte bis zu diesem Zeitpunkte alle Verantwortung den Eltern zugesprochen werden müssen, so traf sie jetzt die junge Generation. Diese aber wagte keinen Kampf. Vielleicht wollte sie ihre Gewohnheiten nicht aufgeben, vielleicht war sie überhaupt zu blaß, zu kränklich. Der Mangel an Lebensmut und Lebensbejahung, der sie den Kampf vermeiden hieß, vererbte sich gleichfalls und wuchs im Laufe der Zeiten zu einer beträchtlichen Schuldenlast heran. Die Eigenschaften, die beim Urgroßvater wertvoll gewesen waren, wirkten heute als eigensinnige Schrullen. Aus seinem Glauben war Starrheit geworden, aus seiner Innigkeit Sentimentalität.
Durch die Ehen, die in der Familie geschlossen worden waren, hatten die Wirkungen dieser Erziehung nicht aufgehoben werden können. Es waren immer Frauen gewesen, die verwandtem Boden entstammten. Nur eine Ausnahme gab es, und diese Frau hatte allerdings anderes Blut in die Familie hineingebracht; das war Mathilde Dorn gewesen, die Tochter eines stillen Gelehrten, dessen Leben voller Güte unbemerkt bei trockener Fachwissenschaft vorübergegangen war, nach dessen nicht ganz aufgeklärtem Tode man jedoch einige Arbeiten über die Freiheit der naturwissenschaftlichen Forschung vorfand, die seine Persönlichkeit unter eine veränderte Beleuchtung brachten. Mathilde Dorn war verschlossen und träumerisch. Ihr Wesen hatte die Milde eines Regens, der an schwülen Sommertagen zur Erde rauscht, ohne zu kühlen. Als Professor Stockmann sie heiratete, lebte ihr Vater noch, und als die Kinder kamen, Martha und zwei Jahre später Johannes, war zu hoffen, daß ihre Erziehung von anderer Art sein würde, als sonst in der Familie gebräuchlich war. Denn Mathilde liebte ihre Kinder mit dem leidenschaftlichen Muttergefühl einer Frau, die nichts anderes hat als ihre Kinder. Besaß sie auch selbst kein stark ausgeprägtes eigenes Wesen, so durfte man doch von diesem durch keine Begriffe beirrten mütterlichen Gefühl mancherlei erwarten. Aber nach wenigen Jahren starb Mathildens Vater, und geraume Zeit darauf folgte sie ihm, ohne ihre Kinder bis zu einer inneren Selbständigkeit gebracht zu haben.
Es sei ein Herzleiden, sagten die Ärzte, aber in Wirklichkeit ging sie an den fortgesetzten stillen Vorwürfen zugrunde, die ihr Mann wegen jener Schriften ihres Vaters gegen sie erhoben hatte. Immerhin erkannte man noch heute an den Kindern die Mutter.
Martha, die seit ihrer Konfirmation dem Hauswesen vorstand, verband mit der kindlichen Liebe zum Vater doch eine gewisse Unabhängigkeit. Sie hatte den Glauben ihres Vaters, aber ein Glanz war übers ihn gebreitet, der von persönlichem Empfinden herkam.
Johannes hingegen hatte von der Mutter die Zweifel geerbt. Sie entbehrten zwar der Schärfe und hatten hin und wieder eine gewisse Haltlosigkeit zur Folge; aber an dieser Stelle kam ihm die Hartnäckigkeit des Vaters zugute. So gab es in seinem Leben wenigstens scheinbare Kämpfe. Selbständigkeit gehörte nicht zu seinen Eigenschaften. Aber er besaß eine gewisse Geschicklichkeit: er nahm niemals Partei für Anschauungen, die den Familientraditionen zuwiderliefen, aber er machte kleine Konzessionen, gestand einigen Punkten eine Berechtigung zu und fühlte sich immer auf der Höhe überlegener Milde.
Professor Stockmann hatte sich allmählich in seine Kinder gefunden. Daß der positive Glaube ihnen keine Herzenssache war, wußte er wohl; aber er zog es vor, diese Lücke zuzudecken, ohne sie zu ergründen. Für diese Nachsicht forderte er stillschweigend das Festhalten an allen äußerlichen Gewohnheiten. Es gab keinen Widerspruch gegen seine Anschauungen; und die Kinder waren klug genug, dem Vater zu folgen, ja, sie taten es sogar aus Überzeugung. Drei- bis viermal im Jahr ging man zur Kommunion, morgens und abends versammelte man sich zur Andacht, genau so, wie es unter dem seligen Generalsuperintendenten gewesen war.
Zu dieser Familie kam Julie Hellwege.
XX
Es gibt Farben, die sich im Schatten gleichen, im Licht aber einander nicht mehr kennen. Und es gibt Menschen, die in der Dämmerung des Alltags meinen, sie gehören zusammen, und doch plötzlich einander fremd sind, wenn das Licht einer Morgenstunde in jene dunkeln Ecken fällt, die ihnen selbst noch unbekannt waren. Oft freilich geschieht es, daß das Leben vorüberschreitet, und jene Stunde will nicht kommen und bleibt fern, bis diese Menschen sterben; und erst die Kinder gewahren, daß sich Abgründe geschrofft haben, wo die Väter an sichere Straßen glaubten. So war Rechtsanwalt Hellwege gestorben und hatte noch drei Tage vor seinem Tode von seinem Studienfreunde Stockmann erzählt, mit ihm habe er sich immer am besten verstanden. Und nun saß Julie dem Professor gegenüber, und der hörte nicht auf, sich zu verwundern und zu entsetzen, daß dieses die Tochter seines Kommilitonen Hellwege war. Und der Doktor Johannes fühlte sich befangen, merkte etwas von Überlegenheit, die anerkannt werden müßte, und trat dennoch auf die Seite seines Vaters.