Deine getreue Schwester

Agnes Elisabeth.

XXIV

Die neue Sittlichkeit der Ehe, die sich schon zuzeiten träumerisch geregt hat und nun vielleicht beginnt, zum Bewußtsein zu erwachen, braucht Menschen, die sich darauf verstehen, die Seele zu suchen.

Natürlich muß man einmal damit aufhören, von den Freuden des Junggesellenlebens und den Pflichten der Ehe in einem Atemzuge zu sprechen. Man muß zu der Einsicht kommen, daß eine Ehe, die nicht mehr bedeutet als den Abschluß toller Jugendstreiche und das Hineintappen in die Behäbigkeit des eigenen Heims, von vornherein mit einer Lüge anfängt.

Natürlich muß man sich darüber klar werden, daß die Frau kein Haustier ist und auch kein Spielzeug.

Man wird guttun, auch auf den Stolz zu verzichten, mit dem manche sich einer treuen, ein wenig zärtlichen Kameradschaft rühmen. Diese ist nur ein Übergang.

Mann und Frau sollen endlich einmal Ehrfurcht voreinander fühlen, ein scheues und doch inniges Verlangen nach des anderen Seele.

Dazu ist freilich nötig, daß ein jedes erst die eigene Seele findet.

Man findet sie nicht, wo heute Menschen ihr Innerstes zu finden glauben.