In die Tiefe muß man hinabsteigen, muß lauschen, ob aus den Abgründen die Stimme der Seele ruft. Wir müssen auf Entdeckung ausgehen und dürfen keine Mühe scheuen.

Ein wenig Mut ist vonnöten, und die Bürde der Begriffe wird man lieber oben lassen.

Nur wer sich selbst gefunden hat, darf hoffen, auch des anderen Seele zu finden. Denn nur dann versteht sich einer auf das Suchen.

Eines solchen Mannes Sehnsucht wird sein, der Geliebten immer nur das Beste seines Wesens zu geben.

Eine solche Frau wird dem Geliebten nicht nur die Mutter seines Kindes, sondern die Ergänzung seines Wesens sein, die seine Kraft zum Leben bringt.

Solche tiefe, im letzten nur geahnte Verbindung zweier Wesen ist die Wurzel der neuen Sittlichkeit. Sie verachtet die Gedankenlosigkeit, mit der heute Menschenseelen in Ehen zertreten werden, sie lehrt eine Nächstenliebe, die Ehrfurcht heißt.

Sie hält die Seele des Menschen für wertvoller als Geist oder Körper, sie wendet sich gegen jede Vergewaltigung, die man heute noch gute Sitte zu nennen wagt.

Sie gibt keine Zwangsgesetze: mögen die einen in einer Ehe leben, die sich äußerlich von der heutigen nicht unterscheidet; mögen die anderen, die um die zarte Blume ihrer Liebe Sorge tragen und den Frost des Alltags fürchten, wieder auseinandergehen.

Sie kennt nur ein Gesetz: sich selbst und seine Liebe heilighalten.